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Klinik Einkauf

Digitalisierung von KrankenhäusernInteroperabilität – vom Wahl- zum Pflichtfach

Durch die Anforderungen des KHZG ist ein Handlungsdruck entstanden, dem Krankenhäuser mit interoperablen Prozessen begegnen müssen – ob mit oder ohne Förderung. Welche logistischen Prozesse hierfür infrage kommen und weshalb sich deren Digitalisierung rechnet.

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Mitte Februar dieses Jahres hat das Konsortium DigitalRadar die Ergebnisse der ersten Online-Erhebung zur Evaluierung des digitalen Reifegrads deutscher Krankenhäuser vorgestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Digitalisierung bereits voll im Gange ist, aber mit einem durchschnittlichen Ergebnis von 33,25 Punkten (von 100) auch noch viel Verbesserungspotenzial aufweist. Im Fokus steht dabei nicht zuletzt die sogenannte Interoperabilität, die den Informationsaustausch der zur Anwendung kommenden Softwareprodukte ermöglicht und idealerweise die Arbeitsbedingungen für Ärzteschaft und Pflegepersonal spürbar verbessert. Diese Reifegradmessung erfolgt in Zukunft regelmäßig, verpflichtend für Krankenhäuser, die Fördermittel aus dem Krankenhausstrukturfond beantragt haben, auf freiwilliger Basis für Krankenhäusern, welche dies nicht getan haben.

Vielen Verantwortlichen ist allerdings nicht bewusst, dass die Umsetzung der Förderschwerpunkte des KHZG eben nicht nur im Fall einer Förderung verpflichtend ist. Es kommt sogar noch schlimmer: Für Krankenhäuser, welche die Einführung bestimmter digitaler Anwendungen und Prozesse bis zum Jahr 2025 versäumen, wird es zukünftig richtig teuer. Auf bis zu zwei Prozent der Rechnungsstellung aller teil- und vollstationären Behandlungsfälle belaufen sich zukünftig die Strafzahlungen – das möchte man sich am liebsten erst gar nicht ausrechnen!

Schlüsselbegriff Interoperabilität

Was bedeutet dieser Umstand für die logistischen Prozesse der Krankenhäuser? Wie bereits in einem früheren Beitrag in diesem Magazin geschrieben (siehe Klinik Einkauf 04 2021, Seite 39), taucht der Begriff Logistik – ebenso wie Patiententransport, Krankenhauslogistik etc. – in den Förderrichtlinien kein einziges Mal auf. Einen anderen Begriff finden wir hingegen exakt 22 mal: Interoperabilität. Das Prinzip der interoperabel agierenden (Software-) Systeme zieht sich wie ein roter Faden durch die Anforderungen des KHZG und ist ein Kernelement für deren Erfüllung. In einfachen Worten ausgedrückt: Die sogenannten Insellösungen in der Krankenhaus-IT haben ausgedient, die einzelnen Anwendungen müssen in der Lage sein, miteinander zu kommunizieren und Hand in Hand zu arbeiten. Interoperable Systeme sind nicht länger das Mittel der Wahl, sie sind ab sofort Pflichtfach für jedes Klinikum.

Formuliert wird dieser Anspruch in den einzelnen Fördertatbeständen und den dazugehörigen Muss- und Kann-Kriterien, die sich an der Verweildauer des Patienten orientieren. Nachfolgend wird ein Beispiel für Interoperabilität in der Praxis geschildert, das verdeutlicht, wie logistische Applikationen die Anforderungsprozesse medizinischer Leistungen für einen Patienten optimal gestalten.

Großes Optimierungspotenzial

Während der Visite bestimmt die Ärztin, dass beim Patienten zwecks Diagnostik eine Röntgenaufnahme erstellt werden soll. Die medizinische Anforderung erfolgt heutzutage üblicherweise digital im Krankenhausinformationssystem (KIS). Mit dieser Anforderung müssen nun verschiedene andere Prozesse angestoßen werden, primär die digitale Terminabstimmung mit dem Leistungserbringer im Röntgen, darüber hinaus aber auch beispielsweise die automatische Anforderung eines Patiententransports. An dieser Stelle des Arbeitsprozesses verbirgt sich eine operative Herausforderung, denn der Patientenbegleitdienst, welcher die Anforderung des Transports auf dem Smartphone bestätigt und annimmt, muss auf der Station oft unnötig warten, da die Pflege sowie der Patient häufig nicht informiert und vorbereitet sind.

Stellt man diesen Missstand ab, so ergibt sich erfahrungsgemäß eine Effizienzsteigerung von ca. zehn Prozent auf den gesamten Bereich des Patientenbegleitdienstes, hinzu kommt die Entlastung für das Pflegepersonal. In den Musskriterien des KHZG wird an dieser Stelle gefordert, dass einerseits das Arzt- und Pflegepersonal via KIS informiert werden, andererseits aber auch der Patient – im Rahmen des Fördertatbestands 2 – über die Durchführung der medizinischen Leistung. Wichtig aus logistischer Sicht ist sowohl die Information des Patienten sowie der Pflege über den Zeitpunkt der Abholung. Letztere kann somit alle notwendigen Vorbereitungen termingerecht vornehmen, sodass unnötige War tezeiten für die Logistik sowie Stresssituationen für Pflege und Patient vermieden werden.

Interoperabilität ist keine IT-Einbahnstraße

Interoperabilität bedeutet aber auch, dass im Fall von Komplikationen der Informationsfluss und letztlich ein koordinierter Arbeitsablauf gewährleistet bleiben. Man stelle sich vor, im Röntgen fällt eine Mitarbeiterin spontan aus und es müssen Termine zeitlich verschoben werden. Bis heute führt dies häufig zu Fehlern und Unannehmlichkeiten, beispielsweise wenn der nicht informierte Transportdienst dennoch auf der Station erscheint oder – noch schlimmer – der Patiententransport zum Röntgen nichts ahnend dennoch erfolgt. Interoperabilität kann nie durch IT-Einbahnstraßen hergestellt werden. So muss beispielsweise die Logistik im Stande sein, mit den Stationen und den Funktionsstellen zu kommunizieren – in beide Richtungen: als Informationsempfänger sowie als -absender. Gleiches gilt für sämtliche involvierte Arbeitsbereiche, denn ein interoperables Krankenhaus kann es nur im Ganzen geben. Sofern nur bestimmte (Teil-) Bereiche miteinander kommunizieren, wird nie klinikübergreifend ein Rädchen ins andere greifen.

Um diesen Prozess weiter voranzubringen, haben in den zurückliegenden Monaten zahlreiche Anbieter Apps für Mobilgeräte auf den Markt gebracht, die das Pflege- personal im Klinikalltag unterstützen sollen, sei es zur Pflegedokumentation, zur internen Kommunikation oder anderen Anwendungsgebieten. Dies gilt auch für die Logistik. Den Pflegekräften werden somit am Point of Care alle wichtigen Informationen rund um die logistischen Leistungen angezeigt, beispielsweise welcher Patient für den Transport vorbereitet werden soll, welche Warensendungen und Bestellungen gerade auf dem Weg sind oder wie sich die Bettenbelegung im jeweiligen Zimmer darstellt. Darüber hinaus können Pflegekräfte aber auch spontane Leistungen veranlassen, beispielsweise eine Bettenreinigung, einen Probentransport oder eine technische Störung melden – mobil, ohne an den Stationscomputer gebunden zu sein.

Anwendungen wie diese setzen an einem Punkt an, wo mehrere Arbeitsbereiche aufeinandertreffen. Sie ermöglichen den einfachen digitalen Zugang zu Informationen und zu Leistungsanforderungen. Kurzum, sie sind ein weiterer Schritt zur Realisierung eines hohen digitalen Reifegrads.

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