BVmed Herbstumfrage 2023Gefährden hausgemachte Probleme die deutsche Medizintechnik?

Über eine viertel Million Menschen sind hierzulande im Bereich Medizintechnik beschäftigt. Doch die aktuelle BVMed-Herbstumfrage warnt: Der Standort Deutschland ist stark gefährdet, denn bei Forschung, und schnellem Marktzugang droht Deutschland an Boden zu verlieren.

Aktuelle Lage der Medizintechnik-Branche
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Aktuelle Lage der Medizintechnik-Branche

Im August und September 2023 führte der BVMed bei seinen Mitgliedsunternehmen eine umfassende Online-Befragung mit insgesamt 30 Fragen durch. Von den ordentlichen 230 BVMed-Mitgliedern beteiligten sich 108 Unternehmen, darunter alle größeren Hersteller von Medizinprodukten aus Deutschland und den USA. Die Ergebnisse im Einzelnen können auf der Website des BVMed abgerufen werden.

An der Umfrage nahmen zu 61 Prozent Hersteller, zu 17 Prozent Handelsunternehmen, zu 10 Prozent Hilfsmittel-Leistungserbringer und Homecare-Versorger, zu 5 Prozent Zulieferer sowie zu jeweils 3 Prozent DiGA-Hersteller und Software-Unternehmen teil. 61 Prozent der Unternehmen sind überwiegend im B2B-Bereich tätig, 19 Prozent überwiegend im B2C-Bereich. Bei 20 Prozent der Unternehmen sind beide Bereiche ähnlich wichtig. Die Unternehmen, die sich an der Umfrage beteiligten, haben ihren Hauptsitz zu 75 Prozent in Deutschland, zu 10 Prozent in den USA und zu 14 Prozent im europäischen Ausland – darunter 4 Prozent aus der Schweiz. 

Vertretene Produktbereiche

  • Implantate (44 Prozent), 
  • Hilfsmittel (37 Prozent), 
  • OP-Produkte bzw. OP-Sets (33 Prozent), 
  • medizinische Geräte (32 Prozent), 
  • Verbandmittel bzw. Produkte zur Wundversorgung (25 Prozent), 
  • Sprechstunden- und Praxisbedarf (19 Prozent), 
  • digitale Medizinprodukte (17 Prozent), 
  • medizinische Schutzausrüstung, Desinfektionsmittel und Beatmungsprodukte (15 Prozent), 
  • Dienstleistungen bzw. Homecare-Versorgungen (13 Prozent), 
  • technologische Lösungen, KI und Sensorik (8 Prozent) sowie 
  • Zulieferprodukte (5 Prozent).
Erwartete Umsatzentwicklung in der Medizintechnik-Branche
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Erwartete Umsatzentwicklung in der Medizintechnik-Branche

Wichtigste Ergebnisse laut BVmed

  1. Die Erträge der Medizintechnik-Unternehmen gehen 2023 weiter zurück: Zwar haben sich die Umsätze mit einem Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Krisenjahr 2022 leicht erholt. Dem stehen jedoch stark gestiegene Logistik-, Rohstoff- und Energiepreise sowie die hohen Kosten für die MDR-Umsetzung gegenüber. 
  2. Die Investitionen am Standort Deutschland gehen zurück: Forschungsinvestitionen werden zunehmen ins Ausland verlagert. Das Innovationsklima ist nach dem BVMed-Index auf dem Tiefpunkt. Hauptgrund für den Abwärtstrend ist die überbürokratische MDR. 53 Prozent der Unternehmen präferieren mittlerweile das FDA-System, nur 12 Prozent das MDR-System. 
  3. An erster Stelle der gesundheitspolitischen Forderungen der Branche steht daher, die MDR weiterzuentwickeln und zu verbessern: Darunter weniger Bürokratie, vorhersehbare und klare Fristen, berechenbare Kosten. Besonders wichtig ist den Unternehmen zudem ein Fast-Track-Verfahren für Innovationen sowie ein Belastungsmoratorium für Medizintechnik-Unternehmen.

Hausgemachte Probleme gefährden den Standort Deutschland

Derzeit liegt die deutsche Medizintechnik global gesehen noch weit vorn. Die BVMed-Herbstumfrage warnt jedoch: Der Medizintechnik-Standort Deutschland ist stark gefährdet. Bei Forschung und Entwicklung, bei Innovationsfreundlichkeit und schnellem Marktzugang droht Deutschland weiter an Boden zu verlieren. Als Gründe dafür nennt der Verband:

  • Ein handwerklich schlecht gemachtes, zu kompliziertes regulatorisches System für Medizinprodukte, das Innovationen ausbremst.
  • Überbordende Bürokratisierung und Regulierungswut, die KMU erstickt.
  • Schleppende Digitalisierung des Gesundheitssystems und mangelnde Datennutzung.
  • Unzureichende Unterstützung des Mittelstandes als das Herzstück der deutschen Wirtschaft.

Fazit und Ausblick

Als Innovationstreiber, Jobmotor und Exportmeister gilt die Medizintechnik-Branche als ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Angaben des BVMed zufolge investieren die Unternehmen im Durchschnitt rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Rund 250 000 Menschen sind in Medizintechnik-Unternehmen in Deutschland beschäftigt, wobei rund 13 000 Ausbildungsplätze in Zukunftstechnologien bereitsgestellt werden. Nicht nur hat die Medizintechnik-Branche zahlreiche „Hidden Champions“ – die Exportquote der deutschen Medizintechnik liegt bei rund 67 Prozent, der jährliche Gesamtumsatz bei über 38 Milliarden Euro. Zusammenfassend hat die Branche 93 Prozent Mittelstand und Familienunternehmen mit Forschung und Produktion in Deutschland.

Deutschland benötigt dem BVMed zufolge eine forschungsstarke, leistungsfähige, wirtschaftlich gesunde und international wettbewerbsfähige Medizintechnik-Branche. Um Top-Talente, darunter Forscher*innen und Unternehmer*innen, im Land zu halten und Innovationen hier zu entwickeln, benötige man standortfreundlichere Rahmenbedingungen, was durch ganzheitliche Ansätze erzielt würde. Durch eine MedTech-Strategie 2030 – mit einem konkreten Maßnahmenkatalog, um den Medizintechnik-Standort Deutschland zu stärken. 

Politische Forderungen
BVMed
Forderungen, um den Standort Deutschland zu stärken

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