
In der modernen Akut- und Intensivmedizin ist die Frage „POCT oder Zentrallabor?“ längst keine Entweder-oder-Entscheidung mehr. Gefragt ist vielmehr ein strategisches Zusammenspiel unterschiedlicher diagnostischer Ansätze. Beide Verfahren besitzen klare Stärken und Grenzen – medizinisch, organisatorisch und wirtschaftlich. Entscheidend ist, für jeden Parameter, jeden klinischen Bereich und jede logistische Rahmenbedingung die jeweils geeignete Form der Diagnostik zu wählen.
Zeit als kritischer Faktor
Ein zentrales Abgrenzungskriterium zwischen Point-of-Care-Testing (POCT) und Zentrallabor ist die Turnaround Time (TAT). Sie beschreibt die Zeit von der Testanforderung bis zur Verfügbarkeit des Ergebnisses. In Notaufnahme und Intensivmedizin kann diese Zeit unmittelbar über diagnostische und therapeutische Entscheidungen bestimmen.
Vor diesem Hintergrund veröffentlichte eine interdisziplinäre Expertengruppe aus Intensivmedizin, Anästhesiologie, Unfallchirurgie und Labormedizin im Jahr 2024 das gemeinsame Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Ziel des Dokuments ist es, zeitliche Anforderungen an laboratoriumsmedizinische Ergebnisse in Akutsituationen festzulegen und Kliniken eine praxisnahe Orientierung für Prozessdesign, Strukturplanung sowie den gezielten Einsatz von POCT und Zentrallabor zu geben.
Das Positionspapier unterscheidet Laborparameter nach ihrer medizinischen Dringlichkeit:
- Notfall 1 (TAT weniger als 15 Minuten): Parameter mit potenziell lebensbedrohlichen Konsequenzen bei pathologischen Abweichungen.
- Notfall 2 (TAT weniger als 60 Minuten): Parameter, die bei ausgeprägten Abweichungen ein rasches therapeutisches Eingreifen erfordern.
- Dringlicher Fall (TAT weniger als 4 Stunden): Parameter, die ein zeitnahes Handeln notwendig machen, um schwere Komplikationen zu vermeiden.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich diese Zeitvorgaben abhängig vom individuellen Patientenstatus weiter verkürzen können. Schweregrad und Dynamik der Erkrankung bestimmen, ob umgehende therapeutische Maßnahmen erforderlich sind. Die definierten Zeitfenster sind daher als Orientierungsrahmen zu verstehen, der in Akutsituationen situativ unterschritten werden kann. Das Positionspapier macht zugleich transparent, in welchen klinischen Szenarien POCT aufgrund seiner kurzen Turnaround Time besondere Vorteile bietet. Die unmittelbare Nähe der Diagnostik zum Patienten eliminiert Transportwege, Probenanmeldung und Wartezeiten. Ergebnisse stehen schneller zur Verfügung, klinische Abläufe werden beschleunigt und therapeutische Entscheidungen zeitnah ermöglicht – ein relevanter Vorteil angesichts zunehmender Arbeitsverdichtung und des Fachkräftemangels.
Die nachfolgenden Ausführungen orientieren sich in weiten Teilen an den im Positionspapier der DGKL und der DIVI formulierten Anforderungen an die laboratoriumsmedizinische Versorgung in Akut- und Intensivsituationen.
Prozess- und Organisationslogik – die eigentliche Herausforderung von POCT
POCT und Zentrallabor unterscheiden sich nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern grundlegend in ihrer Prozess- und Organisationslogik. Genau hierin liegen sowohl Herausforderungen als auch Chancen.
Im laboratoriumsmedizinischen Gesamtprozess sind prä- und postanalytische Phasen integrale Bestandteile der TAT. Daher ist es wichtig ein besonderes Augenmerk auf diese Phasen zu setzen, denn Fehleranalysen zeigen deutlich, dass nur ein geringer Teil der diagnostischen Fehler in der analytischen Phase entstehen. Etwa 90 Prozent der Fehler treten bereits in der Präanalytik oder bei der Ergebnisübermittlung und -interpretation auf.
Im POCT erfolgt die Präanalytik häufig nicht durch spezialisiertes Laborpersonal, sondern durch Pflegekräfte oder ärztliche Anwender. Während Begriffe wie Hämolyse oder „RiliBÄK“ zum Alltag im Labor gehören, sind sie im klinischen Versorgungsalltag nicht selbstverständlich. Fehler bei Patientenidentifikation, Probenentnahme, Handhabung oder Befüllung wirken sich unmittelbar auf die Ergebnisqualität aus und können zu Fehlentscheidungen führen.
Typische Fehlerquellen sind eine falsche oder fehlende Patientenidentifikation, verzögerte Probenverarbeitung, fehlerhafte Blutentnahmen oder mangelnde Geräteeinweisung. Das DGKL/DIVI-Positionspapier betont daher ausdrücklich die Verantwortung des Behandlungsteams, die Präanalytik aktiv zu gestalten und Fehler konsequent zu minimieren. Wiederholungsmessungen, erneute Punktionen oder der Verlust diagnostischer Informationen sind mögliche Folgen unzureichender Prozesse. Besonders kritisch ist dies, wenn fehlerhafte Ergebnisse bereits therapeutische Maßnahmen nach sich gezogen haben, was nicht nur die Patientensicherheit beeinträchtigt, sondern auch zu erhöhten Kosten und einem nur schwer kalkulierbaren wirtschaftlichen Risiko führt.
Strukturierte und regelmäßige Schulungen des Anwenderpersonals sind daher unerlässlich. Der Aufwand steigt zusätzlich, wenn mehrere POCT-Systeme parallel eingesetzt werden oder labornahe Tätigkeiten wie Pipettieren oder Zentrifugieren erforderlich sind.
Qualität bleibt unverhandelbar
Mit der Verlagerung diagnostischer Tätigkeiten in patientennahe Bereiche verändern sich Verantwortlichkeiten, nicht jedoch die Anforderungen an die Qualität. POCT-Befunde müssen im Sinne der Patientensicherheit eine vergleichbare analytische Zuverlässigkeit wie Laborergebnisse aufweisen.
Entsprechend gelten die etablierten Qualitätsstandards der Labordiagnostik grundsätzlich auch für POCT-Verfahren, einschließlich interner Qualitätskontrollen, externer Ringversuche und vollständiger Dokumentation. Die aktuelle Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK) enthält, mit wenigen Ausnahmen, keine Sonderregelungen für POCT.
Besonders fehleranfällig sind das manuelle Ablesen von Ergebnissen sowie deren händische Übertragung in EDV-Systeme. Das DGKL/DIVI-Positionspapier fordert daher ausdrücklich eine feste IT-Anbindung der POCT-Systeme an Laborinformationssysteme, klinische Informationssysteme oder Patientendatenmanagementsysteme (PDMS). Ausdrucke auf nicht dokumentensicheren Medien, wie Thermopapier, sind hierfür nicht ausreichend.
Zur Umsetzung der beschriebenen organisatorischen, qualitativen und technischen Anforderungen empfiehlt das Positionspapier die Einrichtung einer zentralen POCT-Koordinationsstelle. Diese bündelt die Verantwortung für Qualitätsmanagement, Anwenderschulungen, Geräteverwaltung und IT-Schnittstellen und stellt damit die Einhaltung einheitlicher Qualitätsstandards sicher.
Lösungen für eine erfolgreiche POCT-Implementierung
Für Einkauf und Krankenhausmanagement ist POCT keine isolierte Geräteentscheidung, sondern eine strategische Systemfrage. Effiziente POCT-Implementierung erfordert abgestimmte Prozesse, klar definierte Verantwortlichkeiten und technische Lösungen, die den klinischen Alltag erleichtern und regulatorische Anforderungen erfüllen.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor liegt in anwenderorientierten POCT-Systemen. Geräte, die intuitiv bedienbar sind, Anwender durch den Messprozess führen und präanalytische Fehler aktiv minimieren, reduzieren sowohl Schulungsaufwand als auch Fehleranfälligkeit und tragen damit zur Vermeidung unvorhergesehener Folgekosten in diesem Bereich bei.
Unterstützend wirken beispielsweise geschlossene Probensysteme, automatische Mischmechanismen oder Probennehmer, die fehlerhafte Handhabung bereits durch das Design verhindern.
Aus Management- und Einkaufssicht ist zudem die digitale Vernetzung entscheidend. POCT-Middleware-Lösungen ermöglichen ein herstellerübergreifendes Geräte- und Bedienermanagement, automatisierte Ergebnisübertragung sowie die zentrale Überwachung von Qualitätskontrollen und Schulungen. Sie vereinfachen Auditprozesse und unterstützen die Einhaltung regulatorischer Vorgaben.
Eine nachhaltige POCT-Strategie entsteht nur im Zusammenspiel aller Beteiligten: Labor, Pflege, ärztlicher Dienst, Einkauf und Hersteller müssen gemeinsam Prozesse gestalten. Hersteller sind dabei nicht nur Lieferanten, sondern Lösungsanbieter und Partner, deren Systeme sich sicher, wirtschaftlich und nahtlos in bestehende Strukturen integrieren lassen müssen.
Zentrallabor – analytische Tiefe und Skaleneffekte
Das Zentrallabor bleibt trotz der Vorteile der patientennahen Diagnostik ein unverzichtbarer Bestandteil der klinischen Versorgung. Es zeichnet sich insbesondere durch seine hohe analytische Präzision, sein breites Methodenspektrum sowie die Möglichkeit zur Durchführung umfangreicher Parameterpanels aus. Komplexe Untersuchungsverfahren erfordern eine technische Ausstattung, standardisierte Prozesse und fachliche Expertise, die nur in einem voll ausgestatteten Labor verlässlich gewährleistet werden können.
Darüber hinaus erlaubt die hohe Automatisierung des Zentrallabors eine effiziente Bearbeitung großer Probenmengen, wodurch Skaleneffekte genutzt und niedrige Kosten pro Analyse erzielt werden. Insbesondere bei komplexen Fragestellungen oder breiten diagnostischen Panels lassen sich Qualität, Wirtschaftlichkeit und organisatorische Stabilität im stationsnahen Umfeld nicht in vergleichbarer Weise realisieren.
Wirtschaftliche Perspektive – mehr als Materialkosten
POCT ist pro Analyse oft teurer als eine Untersuchung im Zentrallabor. Eine rein materialkostenbasierte Betrachtung greift jedoch zu kurz. Zeitverluste, Personalbindung und Prozessverzögerungen entstehen häufig außerhalb klassischer Budgets, wirken sich aber deutlich auf die Gesamtwirtschaftlichkeit aus. Durch den Wegfall von Transportlogistik und Wartezeiten reduziert POCT organisatorische Verzögerungen – insbesondere bei zentral oder extern betriebenen Laboren. Zeitgewinne ermöglichen frühere Therapieentscheidungen, kürzere Aufenthalte und entlasten hochfrequentierte Bereiche wie Notaufnahme und Intensivstationen.
Das Positionspapier macht zugleich klar, dass POCT kein Ersatz, sondern eine gezielte Ergänzung zum Zentrallabor ist – insbesondere dann, wenn enge Zeitfenster nicht zuverlässig eingehalten werden können. Wirtschaftlichkeit entsteht durch eine strukturierte Integration, nicht durch isolierte Kostensenkung.
Fazit
Moderne Krankenhausdiagnostik lebt nicht vom Gegensatz, sondern vom Zusammenspiel: POCT und Zentrallabor sind komplementäre Systeme, deren jeweilige Stärken sich in einem gemeinsamen, strukturierten Konzept optimal entfalten.
Während POCT überall dort überzeugt, wo Schnelligkeit und unmittelbare Entscheidungsrelevanz erforderlich sind, bietet das Zentrallabor analytische Tiefe, methodische Vielfalt und hohe Prozessstabilität. Erst die enge Verzahnung beider Ansätze ermöglicht ein leistungsfähiges Diagnostikmodell, das sowohl den steigenden Anforderungen in Notfall- und Intensivmedizin als auch den zunehmenden Erfordernissen eines wirtschaftlichen Arbeitens in allen Bereichen gerecht wird. Richtig implementiert wird POCT vom organisatorischen Mehraufwand zur strategischen Chance. Nicht „POCT versus Labor“, sondern „POCT und Labor“ – als integriertes, vernetztes Diagnostiksystem – bildet die Grundlage für eine zukunftsfähige, schnelle und sichere Patientenversorgung.
Zur Autorin
Victoria von der Au ist Produktmanagerin bei Radiometer, einem international tätigen Medizintechnikunternehmen, das seit über 70 Jahren ganzheitliche Lösungen für die patientennahe Sofortdiagnostik in der Akutdiagnostik anbietet. Als ehemalige Laborleiterin eines regionalen Krankenhauses bringt die Molekularbiologin zudem praktische Erfahrung in ihre Expertise ein.




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