
Lieferengpässe sind in deutschen Krankenhäusern längst kein Ausnahmefall mehr – sie gehören zum Praxisalltag. Doch wenn man nach den Ursachen fragt, liefern viele Erklärungen nur halbe Wahrheiten oder verkürzte Antworten. In ihrer neuen Folge des Podcast HealthCareBrain beleuchten Dr. Kerstin Stachel und Lennart Eltzholtz eine strukturierte Einordnung und zeigen: Lieferengpässe sind kein Betriebsunfall, sondern Resultat eines komplexen Systems.
Warum einfache Antworten nicht reichen
In vielen Diskussionen wird suggeriert, dass die Lösung einfach sei: Produktion zurück nach Europa, mehr Regulierung, bessere Lager. Doch die Realität ist komplexer und lässt sich nicht mit einfachen politischen Appellen oder härteren Vertragsklauseln lösen:
- Global verzahnte Lieferketten: Ein Medizinprodukt durchläuft in der Produktionskette häufig 15 bis 20 Länder. Rohstoffe, Komponenten und Endmontage sind weltweit verteilt.
- Marktkonzentration: Nur eine Handvoll Anbieter deckt große Teile des Bedarfs ab. Fällt ein Akteur aus, ist Ersatz kurzfristig kaum verfügbar.
- Hohe Anzahl von Produkten: Viele Krankenhäuser setzen eine hohe Bandbreite von Produkten ein. In Deutschland haben wir rund eine Million Medizinprodukte im Einsatz.
Regulatorik wirkt – aber nicht immer wie gedacht
Zentrale Elemente des regulatorischen Rahmens tragen paradoxerweise selbst zu Engpässen bei. Dazu gehört auch die MDR (Medical Device Regulation). Die neue EU-Regulierung hat viele Produkte einem erneuten Zulassungsprozess unterworfen. Kleine, spezialisierte Produkte verschwinden dadurch teilweise vom Markt, weil die wirtschaftliche Perspektive fehlt. Denn: Eigentlich sind die Hersteller durch die MDR auf ihre Lieferkette festgelegt – und sollen sie jetzt kurzfristig wieder ändern. Das ist ein klassischer Locked-in-Effekt.
Zudem sehen Vergaberegeln mittlerweile vor, Produkte zu meiden, wenn mehr als 40 Prozent der Wertschöpfung in China stattfindet. Gleichzeitig ist diese Wertschöpfung global verteilt. Regulatorik kann Versorgungssicherheit also nur stärken, wenn sie umsichtig gestaltet wird. Aktuell aber verstärkt sie die Herausforderungen.
Ein weiterer zentraler Punkt: Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Markt mit starkem Preisfokus. Hohe Anforderungen an Qualität, Nachhaltigkeit und Sicherheit stehen einem hohen Preisdruck gegenüber. Nachhaltigkeit verliert an Relevanz, sobald der Preis als dominierender Faktor ins Spiel kommt. Für den Einkauf bedeutet das im Umkehrschluss immer wieder, dass Preisverhandlungen allein keine Versorgungssicherheit schaffen.
Was kann der Einkauf heute tun?
Trotz der strukturellen Herausforderungen gibt es konkrete Handlungsfelder für den klinischen Einkauf:
- Transparenz über Lieferketten erhöhen: Je mehr bekannt ist, woher Produkte tatsächlich kommen, desto eher lassen sich Risiken identifizieren.
- Kommunikation mit Anwendern verbessern: Frühzeitige Abstimmung mit dem medizinischen Fachpersonal vermeidet Überbestellungen und Reibungsverluste.
- Alternativprodukte und Digitalisierung nutzen: Technologie kann helfen, schneller verfügbare Alternativen zu identifizieren.
- Strategische Lieferantenbeziehungen: Langfristige Partnerschaften schaffen Verbindlichkeit und Planbarkeit, auch bei Engpässen.
Die Vorbereitung auf den Ernstfall ist gut, aber bitte nicht anfangen zu hamstern. Wer in der Engpass-Situation alles kauft, was er irgendwo bekommt, verschärft das Problem für den gesamten Markt. Der sogenannte Bullwhip-Effekt beschreibt genau dieses Phänomen. Angstausgelöste, nicht koordinierte Bestellungen verstärken den Engpass, statt ihn zu lösen.
Mehr als operative Gestaltung
Lieferengpässe im Medizinproduktebereich sind aber kein rein operatives Problem, das man mit mehr Lagerplatz oder alternativen Lieferanten lösen kann. Sie sind das Ergebnis eines Systems aus globalen Lieferketten, regulatorischen Anforderungen, Preisstrukturen und strategischen Entscheidungen.
Für den klinischen Einkauf heißt das:
- Risiken entlang der Lieferkette managen
- Kommunikation intern wie extern verbessern
- Strategische Partnerschaften stärken
- Digitalisierung nutzen
Damit kann der Einkauf einen Beitrag leisten, Engpässe frühzeitig zu erkennen, zu steuern und – wo möglich – zu vermeiden.
Über den Podcast
Was macht das Gesundheitswesen so magisch? Wie baut man einen professionellen Klinik-Einkauf auf? Welche Auswirkungen haben AI und New Work auf das Krankenhaus von morgen? Über diese und viele andere Themen diskutieren Dr. Kerstin Stachel und Lennart Eltzholtz mit ihren Gästen.



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