
Wo die schiere Verfügbarkeit infrage steht, werden etablierte Preisbildungsmechanismen ausgehebelt. Von einer Rolle rückwärts sprechen Einkaufsmanager frustriert: Vom strategischen zurück zum operativen Einkauf. Und obwohl sich in der Industrie vielerorts Entspannung abzeichnet, etwa bei Energiepreisen und Nachschubwegen, bleibt der Druck auf die Krankenhäuser und ihre Einkaufsverantwortlichen auch im laufenden Jahr hoch. „Die Situation hat sich nicht gebessert“, sagt Ralf Bannwarth, Leiter Geschäftsbereich 8 Einkauf und Medizintechnik bei den Göppinger Alb Fils Kliniken. Es komme an allen Ecken und Enden zu Verzögerungen und Lieferausfällen.
Großer Kostendruck
Die Bewältigung der Pandemie und der Krieg in der Ukraine hätten die globalen Nachschubwege und die Herstellungskosten stark beeinträchtigt, unterstreicht der Industrieverband BVMed: „Der Kostendruck auf die Branche ist anhaltend groß, die Lieferketten nach wie vor instabil“, sagt BVMed Sprecher Manfred Beeres. „Die Medizintechnik-Branche kämpft mit weiter steigenden Kosten bei Energie, Logistik und Rohstoffen“.
Die wirtschaftliche Situation der Kliniken im Land sei „so schlecht wie nie zuvor“, warnt die niedersächsische Krankenhausgesellschaft im aktuellen Branchenbarometer. Für das laufende Jahr rechneten die befragten Häuser überdies mit einer massiven Verschlechterung ihrer Lage: „Kein einziges Krankenhaus erwartet im Jahr 2023 eine positive wirtschaftliche Entwicklung“. Und der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sieht „viele Kliniken und Gesundheitseinrichtungen des Landes vor dem Knock-out“. Inflation und Energiekrise sorgten für Kostenexplosionen, die letztlich die Versorgung gefährden.“
Kaum noch strategische Weiterentwicklung
Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) klafft aktuell eine Finanzierungslücke bei Sachkosten und Energie von etwa 15 Milliarden Euro. Inflation und gestiegene Lohnkosten verlangsamten die Normalisierung der Preisniveaus, bestätigt Andreas Kaupp, Leitung strategischer Einkaufsbereich Medizinisches Verbrauchsmaterial beim Ulmer Einkaufsdienstleister Prospitalia.
Die anhaltende Krise sei auch kein gutes Umfeld für innovative Einsparprojekte im Krankenhauseinkauf, bedauert Klinik- Einkäufer Bannwarth. Überhaupt sei die Projektarbeit weitgehend zum Erliegen gekommen. Die strategische Weiterentwicklung sei im Tagesgeschäft ins Hintertreffen geraten. „Das Hauptaugenmerk lag darauf, die Versorgung zu sichern“, registriert auch Kaupp. Von einer Rolle rückwärts spricht Einkaufschef Bannwarth: vom strategischen zum operativen Einkäufer.
„Klinikeinkäufer konnten früher die Preisentwicklung eines Medizinprodukts von der Innovation bis hin zum Standardprodukt prognostizieren. Der Innovationsgrad einer Warengruppe oder eines Portfolios war stets ein guter Indikator für erreichbare Kosteneinsparungen“, analysiert Adelheid Jakobs-Schäfer, Generalbevollmächtigte für die Bereiche Einkauf und Logistik der Sana Kliniken. „Diese Zeit der Einsparung über Konditioneneffekte“, betont sie, „ist wohl vorbei. Wir werden gegenläufige Trends spüren. Und das ist dramatisch für die Kliniken, die in der Vergangenheit mit Kosteneinsparungen planen konnten.“
Gestiegene Produktionskosten
Schwierige regulatorische Rahmenbedingungen, neue Zulassungsauflage und erheblicher Kostendruck machten den deutschen Markt für viele Hersteller zunehmend unattraktiv, argumentieren diese. Wirtschaftlich ist der riesige deutsche Gesundheitsmarkt zwar immer noch ein Schwergewicht, um den man nicht so einfach einen Bogen macht. Aber nicht zuletzt die jüngsten Engpässe bei patentfreien Kindermedikamenten lassen ein Umdenken erkennen. Dass die Hersteller die gestiegenen Produktionskosten überhaupt an die Krankenhäuser weitergeben können, ist für einige Marktbeobachter auch ein Zeichen für eine Verschiebung im Kräfteverhältnis zwischen Industrie und den mächtigen Einkaufsverbünden: „Den erheblichen Anstieg bei den Sachkosten werte ich als Beleg dafür, dass auch einflussreiche Klinikeinkäufer die Preisanstiege nicht mehr einfach wegverhandeln können,“ sagt etwa der ehemalige Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Münster (UKM) und heutige Berater im Gesundheitswesen Norbert Roeder.
Es geht fast nur noch darum, die Versorgung unserer Häuser sicherzustellen.
Die Konsolidierung im Krankenhausbereich und die Bündelung von Einkaufsvolumina in Einkaufsgemeinschaften habe zu besseren Konditionen geführt, sagt Kaupp. Verschiedene Konditionsmodelle belohnten die Bündelung von Volumina und sorgten für Planungssicherheit auf Lieferanten- und Klinikseite. „In einigen Bereichen wurde diese Dynamik durch die massive Verknappung wichtiger Produkte etwas gehemmt“, formuliert er. „Preise verhandeln, das ist im Augenblick nicht möglich“, bringt es Ralf Bannwarth auf den Punkt. „Es geht fast nur noch darum, die Versorgung unserer Häuser sicherzustellen.“
Er erlebe beinahe täglich Ankündigungen von Preiserhöhungen verschiedenster Lieferanten, sagt Thomas Lippmann, Geschäftsführer der oberbayerischen Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim- Schongau. „Auch Wartungsverträge und personalintensive Dienstleistungen verteuern sich massiv.“
Verhandlungen sind möglich
Dennoch, betont die Sana-Einkaufsverantwortliche Jakobs-Schäfer, bleibe auch dieser Markt ein Markt. „Wo es Wettbewerb um ein Produkt gibt, sind auch weiterhin Preissenkungen möglich. Wir können jedoch nicht vorhersagen, in welchem Verhältnis diese zu den Preissteigerungen durch Rohstoff- und Energiekosten stehen.“ „Als Gruppe können wir die teils überbordenden Preissteigerungen der Industrie ein Stück weit abfangen“, relativiert der Klinikkonzern Asklepios.
Und auch die Dienstleistungs- und Einkaufsgemeinschaft Kommunaler Krankenhäuser (EKK) gibt sich kämpferisch: „Gerade in einer von Engpässen geprägten Zeit, die manche Marktbegleiter motiviert, ihre Produkte überall zum Maximalpreis anzubieten, finden unsere Verhandlungen nach wie vor auf Basis von Mengen und hieraus resultieren- den Preisen statt“, formuliert Holger Engelbracht, Leiter Medical-Einkauf. „Wir beobachten die Ent wicklung bei den Rohstoffkosten sehr genau. Sollte sich die Lage entspannen, werden wir die neue Situation beurteilen, mit der Industrie in Kontakt treten und nachverhandeln“, betont Prospitalia- Bereichsleiter Kaupp.
Im Klinikeinkauf benötigen wir zukünftig mehr Wissen darüber, ob und wie sich Herstellungskosten auf bestimmte Warengruppen auswirken.
Gewinnrückgang in der Medizintechnik
Nimmt man die Industrie-Prognosen zum Maßstab, wird eine Neubewertung so schnell nicht notwendig werden: Der BVMed befürchtet für die von ihm vertretenen Hersteller von Implantaten, medizinischen Geräten oder Hilfsmitteln einen deutlichen Gewinnrückgang: Für 2022 erwarteten demnach gerade noch 11 Prozent der Medizintechnik-Unternehmen Gewinnsteigerungen, 62 Prozent gingen von einer Verschlechterung der Gewinnsituation aus, meldete der BVMed Ende des vergangenen Jahres anlässlich seiner traditionellen Herbstumfrage.
Die Auswirkungen von Pandemiepolitik und Rohstoffkrise wirkten sich in der gesamten Lieferkette aus, klagen Einkäufer. Wichtige Rohstoffe wie Stahl, Aluminium, Harze oder Kunststoffe sind nach wie vor knapp. Steigende Energie- und Arbeitskosten treiben zudem weiter die Preise für See- und Luftfracht. Der anhaltende Fahrermangel belastet den Güterverkehr auf der Straße.
„Im Klinikeinkauf benötigen wir zukünftig mehr Wissen darüber, ob und wie sich Herstellungskosten auf bestimmte Warengruppen auswirken“, sagt Adelheid Jakobs-Schäfer. „Wir müssen die Produkte verstehen: Sind sie besonders energieintensiv? Oder verursachen sie durch ihr Volumen hohe Logistikkosten? Sind es rohstoffsensible Produkte, bei denen gerade ein Engpass an Vorprodukten herrscht? Wenn der Einkauf hier informiert ist und die Kosten seiner Lieferanten versteht, kann er bessere Szenarien im eigenen Forecast planen – und pauschalen Preis- erhöhungen argumentativ begegnen.“
Lieferausfallkonzepte notwendig
Künftig, vermutet Ralf Bannwarth, werde es deutlich mehr Projekte geben, die das Thema Liefersicherheit ins Zentrum rücken. Die Konzentration auf lediglich einen Lieferanten für bestimmte Produktgruppen habe sich als sehr risikobehaftet erwiesen, sagt Prospitalia- Manager Kaupp.
So sieht es auch Wettbewerber EKK: „Wo also zuvor durch Volumenbündelung auf wenige Partner attraktivere Konditionsgefüge erzielt, letztlich jedoch das Risiko potenzieller Lieferausfälle vergrößert wurde, sichern aktuell nun mehr Vertragspartner eine erhöhte Liefersicherheit ab. Ergänzt wird dies um einen gegenüber der Vergangenheit erhöhten Anteil von Abrufaufträgen mit festen Mengengerüsten“, erläutert Holger Engelbracht. Er fordert stichhaltige Lieferausfallkonzepte mit umfassenden Äquivalenz- und Substitutionsübersichten. „Die helfen letztlich nicht nur im Zuge einer entstehenden Lieferproblematik, sondern auch bei unerwarteten Preisanpassungen.“
Auch im Zuge von verbundweiten Ausschreibungen und Vergabeverfahren würden Preise also nicht nur durch mehrjährige Laufzeiten gesichert, sondern – insbesondere im Bereich Pharma – durch eine durchweg höhere Gewichtung von Lieferausfallkonzepten – bis hin zu Deckungskäufen, unterstreicht sein Kollege, der Leiter für den EKK-Pharma- Einkauf, Ulrich von Werne. Bei Arzneimitteln und Pharmaprodukten werde auf absehbare Zeit die Sicherstellung der Versorgung die höchste Priorität für den Pharma-Einkauf behalten.
„Daneben“, betont Sana-Generalbevollmächtigte Jakobs-Schäfer, „werden alle im Gesundheitssystem – die Kliniken und die Hersteller – das tun müssen, was eigentlich längst überfällig ist: durch Prozessoptimierungen Ressourcen sparen, den Produkteinsatz patientenorientiert standardisieren und den Mengeneinsatz bedarfsgerecht steuern.“ Verschwendung könne sich schlicht niemand im System mehr leisten.



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