Konsequenzen und OptionenNeue Normalität des Beschaffungsmanagements

Ziel des 1. BKK-Thinktank unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff war es, zukünftige Herausforderungen und Handlungsfelder für das Beschaffungsmanagement der Krankenhäuser zu identifizieren. Ergebnis dieses Thinktank-Workshops war ein „11-Punkte-Plan“ mit Handlungsempfehlungen für Entscheider, der in einem Ausschnitt in diesem Beitrag dargestellt wird.

In den letzten Jahren haben sich einerseits die gesellschaftspolitischen, ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Entscheidungsträger in Institutionen des Gesundheitswesens, insbesondere auch im Beschaffungsmanagement, erheblich verändert. So hat der Gesetz- und Verordnungsgeber eine Reihe von regulierenden Eingriffen in beschaffungsrelevanten Bereichen des Gesundheitswesens durchgeführt: Sachkosten-Übervergütungsregelung, Abwertung mengenanfälliger Fallpauschalen, Medical Device Regulation, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und Krankenhauszukunftsgesetz stehen hier stellvertretend.

Energiesicherheit und Energiekosten sind der zukünftige strategische Wettbewerbsfaktor Nr. 1.

 

Veränderte Ausgangsituation

Andererseits prägen drei extreme Ereignisse (sogenannte „Schwarze Schwan Phänomene“), die aktuelle Situation im Beschaffungsmanagement der Krankenhäuser: die Coronapandemie, die Klimakatastrophen und die Ukrainekrise. Hinzu kommen geostrategische Konfrontationen zwischen China, Russland und Indien einerseits sowie USA, Europa und Australien andererseits. Diese Konflikte sind von nationalen Interessen geleitet und zielen auf Rohstoffsicherung, politische Einflussnahme sowie den Aufbau internationaler Handelsrouten, abgesichert durch die Beteiligung oder wirtschaftliche Übernahme kritischer Versorgungsinfrastrukturen wie Hafenanlagen, Container-Schiffen und Versorgungswegen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Letztlich geht es um die Steuerungshoheit über globale Lieferketten von der Rohstoffquelle bis zum Verbrauchsort.

Die neue Seidenstraßenpolitik Chinas, das geostrategische Engagement Russlands in Afrika und der zunehmende Protektionismus der USA, erkennbar z.B. in Form des „Inflation Reduction Acts“, verdeutlichen, dass sich Lieferketten international neu sortieren. Außerdem droht Europa eine Abwanderung innovativer Fertigungsstätten in die USA. Die Gründe: massive Investitionsförderung für ausländische Investoren mit hoher Wertschöpfungstiefe in den USA und die vergleichsweise niedrigen Energiekosten

Energiesicherheit und Energiekosten sind der zukünftige strategische Wettbewerbsfaktor Nummer 1. Die Wettbewerbsfaktoren „Qualität und Innovation“, über viele Jahre der Exporttreiber der deutschen mittelständischen Industrie, drohen ins Ausland abzuwandern. Treiber dieser Entwicklung sind aber auch deutsche Bürokratie, überbordende Vorschriften und langwierige Genehmigungsverfahren sowie eine nach wie vor unglaubliche Digitalisierungslücke. Ein bedenkliches Ausmaß nimmt auch der Fachkräftemangel an. Von dieser Entwicklung sind alle Branchen betroffen, aber in besonderer Weise leidet die Gesundheitsbranche. Die Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen wird die zentrale Aufgabe der Entscheider in Politik, Verbänden und Krankenhaus-Management in Zukunft sein.

  • Patienten-Outcome
  • Liefersicherheit
  • Geopolitische Stabilität
  • Patienten-Sicherheit
  • Arbeitsattraktivität
  • Nachhaltigkeit

Herausforderungen und Handlungsfelder

Resiliente Lieferketten

Die wohl größte Herausforderung des Beschaffungsmanagements der Krankenhäuser für die nächsten Jahre besteht darin, Lieferketten resilienter zu gestalten, um Lieferabrisse und Versorgungsengpässe zu vermeiden. Dabei ist klar, dass die Abkehr von dem bisherigen, über viele Jahre praktizierten betriebswirtschaftlichen Prinzip der „Economies of Scale“ in Verbindung mit einer preisorientierten Einkaufsstrategie zugunsten eines wertorientierten Entscheidungsansatzes (Value-based Healthcare), der die Kriterien Patienten-Outcome, Liefersicherheit und geopolitische Stabilität als primäre Entscheidungskriterien bei der Auswahl von Medizinprodukten präferiert, mit höheren Kosten verbunden sein wird.

Das bisher erfolgreich praktizierte Geschäftsmodell der internationalen Arbeitsteilung mit der deutschen Rolle als Exportweltmeister ist in einer geopolitisch unsicheren Welt nicht mehr alleinig erfolgversprechend. Wesentliche Wertschöpfungsanteile an internationalen Lieferketten werden aus Sicherheitsgründen zurückverlagert werden müssen, auch wenn dies allen ökonomischen Grund-regeln einer globalen Arbeitsteilung widerspricht. Dies gilt insbesondere für eine Reihe systemkritischer Medizinprodukte und Arzneimittel. Um die Abhängigkeit von Rohstoffen zu vermindern, sind der Umstieg auf Ersatztechnologien und die Erschließung neuer Bezugsquellen mögliche Optionen. Eine Erhöhung der Lagerhaltung als Absicherungsmaßnahme gegen Lieferabrisse hat nur begrenzten strategischen und ökonomischen Stellenwert. Einerseits ist Lagerhaltung mit hohen Kosten verbunden, andererseits ändert Lagerhaltung nichts an der grundsätzlichen Anfälligkeit unübersichtlicher globaler Lieferketten.

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