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Lieferengpässe wegen Ukraine-KriegMehrlieferanten-Strategie statt Single-Sourcing

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine lässt das deutsche Gesundheitswesen nicht unberührt. Im Interview berichtet Martin Merkel, Mitglied im Arbeitskreis Strategie und Kommunikation der femak, über die Folgen für die Lieferketten und Auswege aus Krise.

Martin Merkel
Privat

Martin Merkel arbeitet als Produktmanager bei der Mediio GmbH.

Branchenübergreifende Preissteigerungen und Lieferengpässe sind nur einige der Folgen des Russland-Ukraine-Krieges. Wie sieht es denn im Gesundheitswesen aus? Inwieweit hat das Geschehen Einfluss auf die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern Deutschlands?

Der Krieg hat das gesamte Logistiksystem erschüttert. Die Auswirkungen sind bereits an einigen Stellen sichtbar wie Preisanalysen der Krankenhäuser zeigen, so zum Beispiel an Preiserhöhungen einzelner Warengruppenbereiche. Gerade im Medikalbereich haben wir mit massiven Preiserhöhungen durch veränderte Margen und höhere Logistikzuschläge wegen unterbrochenen bzw. verzögerten Lieferketten zu kämpfen. Die Klinikeinkäufer müssen nun ad hoc Ausweichmöglichkeiten zu den üblichen Logistikknotenpunkten finden, was mit einer ungenauen Planbarkeit einhergeht. Das macht den Kliniken zu schaffen, denen die Corona-Pandemie schon ordentlich zugesetzt hat. Sie fangen an, eigene Lagerhaltungssysteme zu hinterfragen und zu optimieren.

Der Angriff auf die Ukraine setzt die schon durch Corona gebeutelte Logistikbranche noch weiter unter Druck. Gibt es hier Lieferprobleme, von denen die Kliniken besonders betroffen sind?

Die aktuelle Situation ist differenzierter als in der Corona-Krise. Während der Pandemie drehte sich alles um die Beschaffung persönlicher Schutzausrüstung, also Masken, Schutzkittel, die zum Schutz des Personals und der Patienten benötigt werden. Bei der Ukraine-Krise kann ich das so nicht bestätigen. Wir haben immer mal wieder teilweise in einigen Portfolien Probleme, ausgenommen dem Pharmabereich, der etwas stabiler ist. Aber bei allem was Medikalprodukte an sich betrifft, haben wir über alle Warengruppen hinweg bisweilen Schwierigkeiten bei Verfügbarkeiten und Preisen. Es kann hier keine Warengruppe prominent herausgehoben werden.

Kürzlich hat der BVMed in einer Stellungnahme zum Ukraine-Krieg gefordert, dass durch die Sanktionen die sichere Lieferung und Versorgung mit medizinischen Technologien, Komponenten und Rohstoffen sowie mit Ersatzteilen für die Wartung nicht beeinträchtigt werden. Gibt es Anlass zur Sorge, dass bestimmte Medizinprodukte bald nicht mehr erhältlich sein werden?

Hierbei handelt es sich um eine ethische Frage. Medizinversorgung ist ein Grundrecht. Es darf keine Frage geben, in welchem Land ein Patient oder eine Patientin behandelt wird, weil jeder das Recht hat, bei Bedarf die bestmögliche Medizin zu bekommen – gerade in der Notfallmedizin. Deswegen stimme ich dem BVMed zu. Deswegen ist es durchaus möglich, dass es in Deutschland zu Einschränkungen in der Verfügbarkeit kommen kann. Russland ist aktuell kein verlässlicher Partner, somit ist die Belastbarkeit russischer Lieferketten schwer einschätzbar. Und das gilt nicht nur für den Medizinproduktbereich, sondern den Export von Rohstoffen generell. Deshalb nehmen wir aktuell eine abwartende Position ein. Ich könnte mir vorstellen, dass bestimmte Exportgüter tatsächlich bald eingestellt werden und nicht mehr in den Umlauf kommen, was dann auch zur Einschränkung von Versorgungsleistungen führen kann in Deutschland.

Weil der Aufbau alternativer Beschaffungsmöglichkeiten und -partnerschaften erst anlaufen müssen?

Ganz genau. Es müssen Alternativlieferanten gefunden werden, außerhalb Russlands und Weißrusslands. Das braucht seine Zeit. Dieser Krieg und seine Folgen werden uns die nächsten Jahrzehnte weiter beschäftigen. Ehe sich die Lieferketten dort wieder erholen oder sich verlässliche Kooperationen aufgebaut haben, wird noch viel Zeit ins Land gehen. Doch es ist auch eine Chance für bisher noch nicht bekannte Player, die in den Markt drängen. In der Sourcingauswahl bei den Produkten wird sich einiges drehen im Portfolio.

Wie können sich Kliniken denn konkret auf die eintretenden Versorgungsengpässe vorbereiten?

Die Kliniken haben bereits die Corona-Pandemie genutzt, um zu lernen, wie man mit stockenden Lieferketten umgeht. Wenn es um langfriste Lösungsansätze geht, macht es Sinn, ein Frühwarnsystem zu etablieren, mit dem die Verbrauchsdaten unter Kontrolle gehalten werden. So kann ein besserer Forecast des Bedarfs erstellt und rechtzeitig Nachschub organisiert werden. Dies geschieht in der Regel regional, da es keine Möglichkeit gibt, einen zentralen Logistikdienstleister bundesweit zu etablieren. Wir haben hierzulande eine Hand voll gute, etablierte Familienunternehmen, die in der Lage sind, die Kliniken zu versorgen. Und die werden mit ihren Logistikkonzepten die Kliniken ausstatten und dort Lagerhaltungspläne vorschlagen, mit Margen- und Staffelpreisen werben, um diese dann auch langfristig zu versorgen.

Die größeren privaten Klinikverbünde wie Helios und Co. werden sich natürlich entsprechende Lagerkapazitäten einkaufen und an ihre Standorte verteilen. Verwunderlich ist das nicht, da sie das einhergehende finanzielle Risiko besser stemmen können als die kleineren Häuser. Das bewahrt sie jedoch im Zweifel nicht vor Problemen mit der Warenqualität. Es ist schon vorgekommen, dass nach Vereinbarung eines langfristigen Laufzeitvertrags, die Qualität der gelieferten Schutzmasken beispielsweise, mit der dritten, vierten Marge plötzlich mangelhaft war. Gerade wenn große Abnahmemengen vereinbart werden, müssen sich die Kliniken ihre Lieferanten deshalb vorab genau ansehen.

Wie bewerten Sie Investitionen in digitale Lieferketten?

Digitale Lieferketten stellen eine große Chance dar, da die Verfügbarkeit von Waren an Logistikdrehpunkten sichtbar und zugänglich gemacht werden. Händler können so sehen, wann welche Artikel in welchem Hafen verfügbar sind, wodurch es zur Zeitersparnis kommt. Deshalb werden Kliniken hiervon in Zukunft sicher mehr Gebrauch machen. Für die Einkaufsgemeinschaften und für die Zwischenhändler könnte das zum Problem werden, da ein direkter Zugriff auf Kapazitäten am Hafen zu einer Verkürzung der Lieferkette führt. Sie werden daher versuchen einen anderen Weg zu finden.

Auch das Thema digitale Einkaufsgemeinschaften hat Potenzial. Diese setzen direkt am Hersteller an und gehen von dort in die Lieferkette rein. Es wird jedoch noch eine ganze Zeit lang dauern, bis sich digitale Lieferketten etabliert haben, da die Klinik-IT-Struktur bisher noch nicht entsprechend vorbereitet ist. Den meisten Kliniken fehlt es schlicht an einer Digitalisierungsstrategie. Die privaten Träger sind da schneller unterwegs, weil sie eine gut ausgebaute digitale Infrastruktur als Marktvorteil gegenüber den Mitbewerbern identifiziert haben und die entsprechenden Mittel für die Umsetzung bereitstellen. Jedes Krankenhaus, was hinsichtlich Größe, Ressourcen oder systemisch her nicht in der Lage ist diesen Weg mitzugehen, hat es ungemein schwerer im Markt zu bestehen.

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