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Klinik Einkauf

PreissteigerungenInternationales Sourcing im Krankenhausmarkt

Eine Vielzahl großer Anbieter organisiert den lokalen Vertrieb in Deutschland zentral. Die pandemiebedingten Störungen der Lieferketten beschleunigen bedingt durch kontinuierliche Preissteigerungen jedoch den Trend zum Global Sourcing im Gesundheitsmarkt.

OP-Masken
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Symbolfoto

Die in Deutschland vertriebenen Artikel sind nicht ausschließlich „Made in Germany“, sondern entstammen der weltweiten Produktion. Über die namhaften international agierenden Unternehmen ist es möglich, den gesamten Beschaffungsprozess über deutsche Niederlassungen abzuwickeln, wodurch häufig weder das Produktionsland noch die Handels und Lieferketten für den Einkauf ersichtlich sind.

Da es sich größtenteils um Frei-Haus- Lieferungen handelt und jahrelang eine große Stabilität der Lieferketten vor herrschte, hatte der „Country of Origin“ im Allgemeinen für den Einkauf eine eher nachrangige Stellung. Die vertreibende Industrie hat eine Art „Full Service“ für den Einkauf im Krankenhausmarkt erschaffen, da alle Prozesse in den Produktions- und Lieferketten hin zu beratenden Tätigkeiten vor Ort über den Sales-Außendienst äußerst effizient gestaltet sind. Dadurch konnte vor der Pandemie alles aus einer Hand, über einen einzigen Ansprech partner und zu stabilen Preisen bezogen werden. Die Frage nach den Logistikkosten hat sich daher aus Sicht des Einkaufs nie gestellt.

Trend zur Abwanderung von Produktionsstätten

In den letzten Jahren hat sich ein branchenübergreifender Trend zur Abwanderung von Produktionsstätten in Richtung Asien durchgesetzt. Dies zieht nach sich, dass sich die Prozesse der Produktions- und Lieferketten verkomplizieren. Häufig finden Forschung und Entwicklung zu den jeweiligen Produkten in Deutschland bzw. anderen westlichen Ländern statt. Rohstoffe wie beispielsweise Vliesstoffe für Masken, Plastikgranulate und Medizinstahl, werden vorrangig in Deutsch land angefertigt und zur Herstellung der entsprechenden Medizinprodukte nach Asien geliefert. Nach Fertigstellung der Produkte in Asien werden diese wieder nach Deutschland befördert, um hierzulande vertrieben zu werden.

Kontinuierlicher Preisanstieg 

Coronabedingte Faktoren wie etwa Exportverbote oder der krankheitsbedingte Ausfall von Mitarbeitenden haben die globalen Lieferketten nachhaltig gestört. Zusätzlich kommt es zu massiven Preissteigerungen der Energiekosten sowie Rohstoffen wie beispielsweise Rohöl, Stahl und Plastik, während gleichzeitig der Lohnentwicklungsindex einen kontinuierlichen Anstieg verzeichnet. Die unmittelbare Folge daraus ist, dass unter anderem der Krankenhausmarkt zunehmend mit Preissteigerungen konfrontiert wird.

Direct Sourcing als Reaktion auf Preisanstieg

Die Lösung hierfür stellt einen Strategiewechsel auf das Direct Sourcing dar. Dies meint, dass die Produkte nicht wie gewohnt über die bisherigen Lieferanten bezogen werden, sondern direkt über die Zulieferer, die sogenannten „Original Equipment Manufacturer“ (OEM), die auf die Herstellung der entsprechenden Produkte spezialisiert sind. Dadurch wer den die Produkte nicht in Deutschland bezogen, sondern die Beschaffung der Produkte wird auf die Länder übertragen, in denen die Produkte auch produziert werden, wie etwa Asien, Ungarn und die Türkei. Direct Sourcing wird in Branchen wie der Automobilindustrie, Maschinenbauindustrie und auch im Einzelhandel bereits längere Zeit praktiziert. Die Pandemie hat den Trend zum Direct Sourcing beschleunigt, sodass dieser nun auch auf den Krankenhausmarkt übergeht.

Besonderheiten im Gesundheitsmarkt

In Bezug auf die Direct-Sourcing-Strategie hat der Einkauf im Krankenhausmarkt besondere Faktoren zu beachten. Durch die Medical Device Regulation (MDR) werden die Medizinprodukte in verschiedene Risikoklassen eingeteilt. Im Krankenhausmarkt eignen sich Warengruppen und Produkte, die laut MDR hohen Risikoklassen zugeordnet sind und einen hohen Forschungs- und Entwicklungsgrad aufweisen, nicht für die Direct-Sourcing-Strategie. Hierzu zählen beispielsweise Implantate und Herzschrittmacher sowie Arzneimittel, da für die Patientinnen und Patienten eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, dass Komplikationen auftreten. Faktoren wie die Qualitätsüberwachung, Zertifizierung, Einfuhr sowie Zurückverfolgbarkeit im Falle von Haftung oder Rückruf werden im Rahmen des Full Service durch die vertreibende Industrie sichergestellt und können bei komplexen Produkten, wie beispielsweise Ultraschallgeräten, nicht durch eine Krankenhausgruppe gewährleistet werden. Für die Direct- Sourcing Strategie kommen Produkte in Betracht, die als Medizinprodukte der Klasse 1 zugelassen sind. Beispielsweise eignen sich Artikel des medizinischen Sachbedarfs und der persönlichen Schutzausrüstung, wie etwa Masken und Untersuchungshandschuhe.

Hierbei gibt es Faktoren, die durch den Einkauf beachtet werden sollten: Es muss eruiert und sichergestellt werden, dass die anvisierten Produkte eine breite Basis an OEMs aufweisen, die die großen und bekannten Medizinproduktelieferanten beliefern. Diese OEMs müssen zudem die notwendigen Produktionskapazitäten aufweisen und in der Lage sein, die Produkte korrekt zu zertifizieren und unter einem eigenen Label zu verkaufen. Die Produktpreise zu Frei-Haus-Lieferungen bei den bisher bekannten Lieferanten beinhalten Aspekte wie die interne Logistik, Einfuhrzölle, die Logistik innerhalb von Deutschland sowie die Verteilung an die abnehmenden Einrichtungen unter Sicherstellung der Qualität, der Zertifizierung, der Dokumentation, der Anwenderschulungen sowie der Produktblätter und des Reklamationsprozesses. All diese Bestandteile müssen durch den Krankenhauseinkauf bei der Direct-Sourcing-Strategie berücksichtigt werden.

Die Gesamtheit dieser Faktoren muss für die Ermittlung der Total Costs of Ownership beachtet werden, um einen adäquaten Preisvergleich zwischen den innerhalb der Sourcing-Strategie identifizierten Produkten und den durch die bisherigen Lieferanten vertriebenen Produkten zu Frei-Haus-Konditionen herstellen zu können. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass gleichwertige Produkte zum richtigen Zeitpunkt in der notwendigen Menge beschafft werden. Erst wenn sich der Aufwand aus ökonomischer Sicht lohnt und sich mittels der Direct Sourcing Strategie ein enormer Preisvorteil ergibt, sollte diese Strategie Anwendung finden.

Stetig wachsende Anforderungen

Es wird ersichtlich, dass sich die Ansprüche und Anforderungen an den Einkauf in Bezug auf den sich stetig wandelnden Weltmarkt kontinuierlich erhöhen. Neben Produkt und Anwendungskenntnissen sind zusätzlich Aspekte wie die Identifikation von OEMs, die alle Kriterien in Bezug auf die Logistik, die Qualitätsprüfung, die Zertifizierung und den Reklamationsprozess erfüllen und die notwendigen Regularien einhalten, von fortwährend wachsender Wichtigkeit. Das Global Sourcing erfordert zudem Mitarbeitende im Einkauf, die der englischen Sprache mächtig sind. Gleichzeitig müssen neben der Entwicklung der Rohstoffpreise auch die Währungsschwankungen strikt durch den Einkauf beobachtet und analysiert werden, um hieraus resultierende Preisvorteile auszuschöpfen. Den Schlüssel zum Erfolg stellen Spezialisten im Einkauf dar, die sich den neuen Herausforderungen stellen, welche sich durch den ständigen Marktwandel ergeben.

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