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Klinik Einkauf

BeschaffungskongressPostpandemische Perspektive des Einkaufs- und Logistik-Managements

Am 1. und 2. Juni 2022 findet der 12. Beschaffungskongress der Krankenhäuser in Berlin statt. Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff gibt einen Einblick in die Themen der Branche.

Dr. Wilfried von Eiff
HHL Leipzig Graduate School of Management

Dr. Wilfried von Eiff ist Direktor des Center for Health Care Management and Regulation (HHL Leipzig Graduate School of Management) und Leiter des Centrums für Krankenhaus-Management (Münster). Er ist Kongress-Präsident des Beschaffungskongresses der Krankenhäuser.

Was sind die wichtigsten Lehren, die die Beschaffung der Kliniken aus der Pandemie mitnehmen sollte?

von Eiff: Die Coronakrise hat die Digitalisierungslücke aufgedeckt und die Anfälligkeit globaler Lieferketten offenbart, die nach dem Geschäftsprinzip „Economies of Scale“ strukturiert sind, Monopollieferanten beinhalten und durch die Verlagerung „verlängerter Werkbänke“ in Schwellenländer die Steuerbarkeit verloren haben. Die Auswahl von Lieferpartnern und Produktionsstandorten darf in Zukunft nicht mehr der Logik der niedrigsten Kosten folgen, sondern muss an der Solidität einer Lieferkette orientiert sein. Ansonsten bestimmen nicht verfügbare Bagatelle-Produkte faktisch die medizinische Versorgungsqualität. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Coronakrise für die zukünftige strategische Neuausrichtung des Beschaffungsmanagements war, dass die „Kostendrücker“ unter den Einkäufern zuerst von Lieferabrissen betroffen waren und Bestandskunden bevorzugt beliefert wurden. Lieferbeziehungen sind wirtschaftlich erfolgreich und im Krisenfall belastbar, wenn sie auf Vertrauen, Fairness, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit gründen. Strategische Partnerschaften werden daher die Beschaffungsbeziehungen in Zukunft prägen.

Wie können sich die Kliniken das Leben mit digitalen Lösungen im Bereich der Beschaffung erleichtern?

von Eiff: Einerseits geht es darum, den Bestell und Abrechnungsprozess durch Smart-Contract-Funktionen zu automatisieren, um Einkauf und Logistik von Routineaufgaben wie Bestandskontrolle, Rechnungsprüfung und Fakturierung zu entlasten. Voraussetzung dafür ist der Einsatz von Smart Cabinets auf Station und die Einrichtung von Logistikzentren mit Cross-Docking-Funktion, um eine geordnete Anlieferung von Medizinprodukten in gebrauchsfähigem Zustand direkt am Einsatzort zu gewährleisten. Voraussetzung ist ein durchgängiges Stammdaten-Management nach dem Prinzip „Single Source of Truth“.

Ergeben sich durch die Medical Device Regulation Probleme für die Beschaffung von Medizinprodukten?

von Eiff: Bedingt durch hohe Kosten und lange Genehmigungszeiten bei Neu und Bestandsprodukten sowie die Verpflichtung der Hersteller zur jährlichen Überprüfung des Sicherheits und Effektivitätsnachweises besteht die Gefahr, dass die Produktportfolios zum Nachteil der Patientenversorgung reduziert werden. Allerdings räumt das zweite Corrigendum in Artikel 120 Abs. 3 MDR den Herstellern eine Übergangsfrist beim Abschluss des Konformitätsverfahrens bis zum 26. Mai 2024 ein. Auch wenn für 2022 kein akuter Handlungsbedarf für die Krankenhäuser zu bestehen scheint, empfehle ich, gemeinsam mit strategischen Industriepartnern die Standardisierung des Beschaffungsportfolios voranzutreiben.

Welche Herausforderungen kommen auf die Kliniken und ihre Mitarbeiter im kommenden Jahr zu?

von Eiff: Es steht die Überprüfung der Lieferketten systemkritischer Produkte an, teilweise mit der Konsequenz eines gezielten „Reshoring“ bzw. einer verstärkten Beschaffungspolitik des „Local-for-Local“. Die Beschaffungsmanager werden bei der Umsetzung der KHZG-Projekte gefordert sein und das Thema „Nachhaltigkeit in Einkauf und Logistik“ wird an Fahrt aufnehmen. Die wichtigste Herausforderung besteht darin, Plattformkonzepte für den lokalen, regionalen und nationalen Abgleich von Bedarf und Verfügbarkeit systemkritischer Produkte zu etablieren, um krisenbedingte Mangelsituationen nicht durch logistische Verteilungsprobleme zu verschärfen.

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