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Wie viel Klimaschutz kann der Einkauf leisten?

Nachhaltig, klimaneutral, grün – diese Schlagworte beschäftigen auch die deutschen Kliniken. Den Einkäufern kommt dabei eine besondere Rolle zu – für die auch Kreativität gefragt ist.

Nachhaltigkeit

AdobeStock/Robert Kneschke

Symbolfoto

Die Lage ist ernst, und zunehmend drängt die Zeit. Bis zum Jahr 2050 soll Deutschland klimaneutral sein. Auch in vielen Kliniken rückt das Thema deshalb auf die Agenda. „Es ist richtig, dass sich die Geschäftsleitungen jetzt damit beschäftigen“, sagt Annegret Dickhoff von der Umweltschutzorganisation BUND. Seit Mitte 2019 habe das Interesse deutlich zugenommen. Für viele Klinikleiter sei das Engagement auf diesem Gebiet ein willkommenes Alleinstellungsmerkmal: „Sie wollen Vorreiter sein und sich in Zeiten von Klimanotstand und Pflegenotstand für die Zukunft aufstellen.“

Dickhoff leitet das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt KLIK green, dem die Macher den Slogan „Krankenhaus trifft Klimaschutz“ verpasst haben. Es richtet sich an Krankenhäuser und Reha-Kliniken. Bundesweit können 250 Einrichtungen teilnehmen – mit dem Ziel, durch verstärkte Klimaschutzmaßnahmen 100 000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) einzusparen. Projektpartner sind neben dem BUND Berlin die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen und das Universitätsklinikum Jena. Sie begleiten die Kliniken über drei Jahre.

Dabei kommt den Einkäufern der Häuser eine entscheidende Rolle zu, ist Dickhoff überzeugt. Gerade in Bereichen wie Beschaffung, Mobilität, Speisenversorgung oder beim Verbrauch von Produkten sieht sie großes Potenzial. Hier seien deutliche Einsparungen möglich. „Neben dem Beitrag für den Klimaschutz entlasten die Einrichtungen auch das eigene Budget“, betont die Projektleiterin.

Uniklinik Ulm: Drucker-Projekt mit großen Ambitionen

Im Universitätsklinikum Ulm (UKU) gehört das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile zu jeder Beschaffung. „Es ist Teil aller Vergabevorlagen. Jeder Mitarbeiter im Einkauf muss ausfüllen, ob Nachhaltigkeitsaspekte geprüft wurden und ob sie eingehalten oder nicht berücksichtigt werden konnten“, erklärt Holger Fitzke, der in Ulm die Abteilung Materialwirtschaft leitet. Für sein Team – 20 Kollegen im Einkauf und aktuell weitere 15 im Zentrallager – bedeute das häufig einen Spagat – zwischen der Vorgabe, Kosten zu sparen, und dem Ziel, nachhaltig zu agieren. Doch der Vorstand unterstütze die Strategie – auch wenn nachhaltige Produkte höhere Kosten verursachen. „Das Haus steht dahinter“, betont Fitzke.

Ein deutliches Zeichen war im Februar der Beitritt zur WIN-Charta des Landes Baden-Württemberg. Damit hat sich das UKU freiwillig zur Nachhaltigkeit verpflichtet. Hinzu komme spürbarer Druck von außen, sagt Fitzke. So biete etwa das Nachhaltigkeitsbüro der Landesanstalt für Umwelt im Rahmen einer Schulungsoffensive Veranstaltungen zum Thema „Nachhaltige Beschaffung“ für die Mitarbeiter an.

Zu den intern aufgestellten UKU-Regeln gehört auch, darauf zu achten, dass Lieferanten möglichst Produktionsstätten in Deutschland haben. Allerdings sei das differenziert zu betrachten, so Fitzke: „Gerade bei zahlreichen Medizinprodukten muss jedem klar sein, dass viele nur noch in China erhältlich sind.“ Da gelte es dann zwischen der sicheren Versorgung und ökologischen Aspekten abzuwägen.

Deutlich einfacher ließen sich die grünen Ideen bei dem Drucker-Projekt umsetzen, das derzeit in Ulm läuft. Bis August bekommt das gesamte Klinikum eine neue Ausstattung. „Dabei planen wir eine 20-prozentige Einsparung der Geräte“, sagt Fitzke. Ziel ist es, künftig statt 1901 Druckern nur noch 1500 zu nutzen, gleichzeitig soll der Papierverbrauch deutlich sinken – unter anderem durch doppelseitigen Druck. Zuletzt verbrauchte das UKU mehr als 22,5 Millionen Blatt Blanko-Papier im Jahr.

Fitzkes Team will die Papiermenge auch selbst reduzieren. So laufe beispielsweise der Freigabeprozess für Ausschreibungen meist noch in Papierform – „da gibt es viel Einsparpotenzial“, sagt der Abteilungsleiter. Sein Büromaterial bezieht das UKU über den Webshop eines Lieferanten, der kürzlich den Zuschlag bekommen hat. Im Shop werden auf UKU-Wunsch auch „grüne Versionen“ der Produkte angezeigt – „und unsere Anwender entscheiden individuell, was sie beziehen“, sagt Fitzke.

Klinik Fallingbostel: Win-win-win durch neue Bettwäsche

In der Klinik Fallingbostel in Niedersachsen etabliert Tobias Schuchhardt gerade einen zentralen Einkauf. Bestellen derzeit noch alle Abteilungen der auf Kardiologie spezialisierten Reha-Einrichtung eigenständig und dabei teilweise ähnliche Dinge, wird das ab 1. April 2020 ein Zentraleinkäufer übernehmen. So will Verwaltungsleiter Schuchhardt, der auch stellvertretender Geschäftsführer der Klinik ist, nicht nur Kosten senken, sondern beispielsweise auch den Logistikaufwand, etwa weil weniger Anfahrten von Lieferanten nötig werden.

Dafür hat er in der Verwaltung eine neue Stelle eingerichtet und eine klare Strategie vorgegeben. „Wir hinterfragen jetzt jede Bestellung und schauen dabei, ob eventuell ein Lieferantenwechsel möglich ist, ob wir über die Menge bei gleichbleibender Qualität günstiger bestellen können und ob die Öko-Bilanz des Produkts stimmt.“ Auf ein klares Bewertungsschema verzichtet Schuchhardt dabei ganz bewusst. Er will, dass die unterschiedlichen Kriterien künftig gleichermaßen bedacht werden. „Wir kaufen nicht auf Krampf woanders günstiger ein“, betont er und verweist etwa auf die Brötchen, die auch weiter der örtliche Bäcker liefern soll. Und wenn es bei ähnlichem Kostenniveau etwas Nachhaltiges gebe, „dann kann das der entscheidende Punkt für einen Warenwechsel sein“.

Das Thema beschäftigt das privat geführte 298-Betten-Haus, das 274 Mitarbeiter zählt und am Projekt KLIK green teilnimmt, schon seit einigen Jahren. „Wir haben mit vielen kleinen Maßnahmen begonnen, und das hat richtig Drive bekommen“, erklärt Schuchhardt. Ein Beispiel ist die Umstellung der kompletten Bettwäsche von Flachwäsche auf das Material Seersucker. Auslöser war der hohe Arbeitsaufwand für das Reinigungsteam, das die hauseigene Wäscherei unterstützt. „Wir haben unheimlich viel Zeit und Personal für das Mangeln von Flachwäsche gebraucht“, erinnert sich Schuchhardt. Das habe sich mit dem bügelfreien Material erübrigt, die Zeit steht jetzt für die Reinigung zur Verfügung. „Zudem brauchen wir deutlich weniger Dampf und Energie für die Aufbereitung der Wäsche, und die Patienten empfinden Seersucker auch noch als angenehmer“, betont der Verwaltungsleiter. Am Ende gehe es bei jeder Maßnahme um den Umgang mit Ressourcen – mit Blick auf Personal, Material, Kosten und Umwelt – „und im Idealfall gewinnen wie hier alle Seiten“.

Das erhofft sich Schuchhardt auch von dem Test einer Dosieranlage für Reinigungsmittel, der gerade läuft. Statt wie bislang mit bis zu sieben verschiedenen Mitteln zu arbeiten, soll das Team künftig mit zwei zudem umweltschonenderen Reinigern für mehrere Anwendungsgebiete auskommen. Die Behälter werden aus großen Kanistern nachbefüllt, was den Plastikmüll deutlich reduziert. Gleichzeitig müssen sich die Mitarbeiter mit weniger Präparaten auskennen.

Elbland Reha Großenhain: Wasser aus dem Spender

Im sächsischen Großenhain hat auch Ina Scheuner gute Erfahrungen mit einer konsequenten Umstellung gemacht. Auf Initiative der Hygienefachkraft und Klimamanagerin gibt es in der Elbland Rehabilitationsklinik kein gekauftes Mineralwasser mehr. Stattdessen füllen die Pflegekräfte Leitungswasser aus fünf Tafelwasserspendern in PET-Flaschen ab und teilen es an die Patienten der 120-Betten-Klinik aus – auf deren Wunsch gekühlt mit Sprudel oder still.

„Das geschieht in der Morgenrunde, und jeden Abend werden alle Flaschen wieder eingesammelt und geleert“, beschreibt Scheuner. So garantiert sie, dass jede Flasche täglich im Geschirrspüler landet und desinfizierend aufbereitet wird. Das Desinfizieren der Tafelwasseranlagen übernehmen zweimal am Tag die Abteilungen. Bislang hat ein Großhändler regelmäßig kistenweise Wasser angeliefert. „Doch die Kisten waren schwer, schmutzig, und zudem waren die Verschlüsse für viele Patienten zu fest verschraubt“, erinnert sich Scheuner.

Für die Umstellung hat sie mit dem auch für die anderen drei Elblandkliniken zuständigen Zentraleinkauf nicht nur die Zapfgeräte angeschafft. Auch rund 500 Flaschen sowie zehn spezielle Spülkörbe waren nötig – eine Investition von insgesamt rund 20 000 Euro. Hinzu kommen laufende Kosten für die Miete der CO2-Flaschen und die Wartung der Brunnen. „Dafür sparen wir jetzt das Geld für den Wasserkauf, und Transportfahrten fallen weg. Außerdem ist unser Wasser nie alle.“

Demnächst will Scheuner zusammen mit den Mitarbeitern der Klinik und dem Einkauf ein Umweltteam bilden und nicht nur das Druckerpapier auf Recycling-Papier umstellen, sondern sich auch dem Thema Einmalinstrumente widmen. „Pro Verbandswechsel kommen zum Beispiel mindestens zwei Scheren und Pinzetten zum Einsatz“, sagt Scheuner. Bislang sei die Einwegvariante einfach günstiger, „und alle Produkte landen im Müll“, ärgert sie sich – „da muss es doch eine andere Lösung geben“.

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  • klimaneutral

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