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Konsequenzen und OptionenNeue Normalität des Beschaffungsmanagements

Wertorientiertes Beschaffungsmanagement

Die strategische Orientierung des Beschaffungsmanagements befindet sich in einem Wandlungsprozess. Während bisher der Fokus auf kostenreduzierendes Sachkosten-Management gerichtet war und preisorientierter Einkauf die Produktauswahlprozesse dominierte, wird aktuell im Rahmen des Management-Ansatzes „Value-based Healthcare“ darüber diskutiert, inwieweit durch das Beschaffungsmanagement Beiträge zu Patienten-Sicherheit, Patienten-Outcome, Arbeitsattraktivität und Nachhaltigkeit erbracht werden können. Die Umsetzung dieser Beschaffungsphilosophie erfordert auch eine Abkehr von der bisherigen Praxis, Produktportfolios nach dem Prinzip der „optimalen Abmischung“ zusammenzustellen.

Nachhaltigkeit

Eine weitere, nicht minder große Herausforderung für das Beschaffungsmanagement erwächst aus den Verpflichtungen, die die politischen Entscheidungsträger im Hinblick auf die Erreichung ehrgeiziger Nachhaltigkeitsziele ausgerufen haben: CO2-freies Wirtschaften bis zum Jahr 2050. Schließlich ist der Gesundheitssektor mit einem jährlichen Ausstoß von circa 58 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten für etwa 5,2 Prozent der deutschen Treibhausemissionen ursächlich. Dabei sind Krankenhäuser als wesentliche CO2-Emittenten identifiziert und von daher verpflichtet, wirksame Beiträge zu den Klimazielen der EU zu erbringen. Ressourcenschonender Einkauf, CO2-arme Logistik, ressourcenschonender Materialeinsatz und klimafreundlicher Produktverbrauch werden die Innovationsfähigkeit der Beschaffungsmanager fordern. Voraussetzung ist eine Festlegung klarer „grüner Beurteilungskriterien“ und deren verbindliche Aufnahme in Ausschreibungsverfahren, einschließlich einer Aussage über deren Gewichtung. Gleichzeitig ist die Messung von Nachhaltigkeitseffekten methodisch abzusichern.

Beschaffungsmanagern wird empfohlen, prioritär Medizinprodukte einzukaufen, die nachweisbare Handhabungs- und Prozessvorteile erbringen, nach Möglichkeit das Prinzip „Cradle-to-Cradle“ erfüllen sowie reparierbar bzw. wiederaufbereitbar sind.

Strategische Partnerschaften

Die Pandemie hat gezeigt, dass die „Kostendrücker“ unter den Krankenhäusern als erste mit empfindlichen Lieferengpässen konfrontiert waren. Dagegen konnten Krankenhäuser, die langfristige, verlässliche Lieferbeziehungen zu qualifizierten Lieferanten aufgebaut hatten, durch ihren Status als „Bestandskunden“ ihre medizinische Versorgungsqualität auf hohem Niveau halten. Strategische Partnerschaften, System- und Technologiepartnerschaften, hybride Kooperationen und die Berücksichtigung geopolitischer Verlässlichkeit von Lieferpartnern sowie von Standorten stehen im Kriterienkatalog von Vergabeentscheidungen an prominenter Stelle.

Arbeitsplatzattraktivität

Angesichts der zunehmenden Personalengpässe bei den am Bett tätigen Berufsgruppen nimmt die Frage, inwieweit der Einkauf durch die gezielte Auswahl handhabungsfreundlicher sowie handhabungssicherer Medizinprodukte dazu beitragen kann, diese Berufsgruppen zu entlasten, um eine Verbesserung der Attraktivität klinischer Arbeitsplätze zu erreichen, an Bedeutung zu. Hier zeichnet sich eine neue Herausforderung für Beschaffungsmanager ab. Studienergebnisse zeigen, dass die Unterstützung von Pflegekräften durch arbeitsentlastende Technologien und handhabungsfreundliche, das Patienten-Outcome verbessernde Medizinprodukte von dieser Berufsgruppe als „Wertschätzung“ empfunden wird.

Aber es sind noch weitere „Baustellen“, die verstärktes Engagement der Beschaffungsmanager einfordern: Auf dem Feld der Digitalisierung ist das Beschaffungsmanagement gefordert, im Rahmen der Planung und Umsetzung von KHZG-Projekten als Projektmanager und Change-Manager zu fungieren. Aber auch die Digitalisierung der Beschaffungsprozesse selbst steht als Aufgabe an. Dies betrifft u.a. die Automatisierung des Bestell- und Wiederauffüllmanagements durch Smart Cabinets, den Einsatz von KI-Software zur Bedarfsplanung für kritische A-Produkte, Plattform-Lösungen für den indirekten Bedarf und die elektronische Ausschreibung.

Schließlich ist das Engagement der „Informationskonzerne“ (Google, Facebook, Apple und Amazon) im Gesundheitsbereich im Auge zu behalten. Hier zeichnen sich nicht nur völlig neue Formen der Versorgungsorganisation und der Refinanzierung medizinischer und pflegerischer Leistungen ab, sondern auch einschneidende Veränderungen in den Einfluss- und Machtstrukturen des Medizinapparat.

Die „neue Normalität“ des Beschaffungsmanagements wird durch neue Pandemien, Klimawandel, teilweise Deglobalisierung in Verbindung mit protektionistischen Eingriffen, Handelskriegen bis hin zu militärischen Interventionen geprägt sein.

 

Fazit

Die „neue Normalität“ des Beschaffungsmanagements wird durch neue Pandemien, Klimawandel, teilweise Deglobalisierung in Verbindung mit protektionistischen Eingriffen, Handelskriegen bis hin zu militärischen Interventionen geprägt sein. Die Erschließung alternativer Bezugsquellen, die Rückverlagerung der Herstellung systemkritischer Produkte, die Entwicklung eigener Monopolangebote, der Aufbau von strategischen Partnerschaften werden Richtung und Stellenwert von Beschaffungsstrategien in den nächsten Jahren bestimmen. Und: Weitere „Schwarze-Schwan-Ereignisse“ sind nicht ausgeschlossen.

Der nächste Beschaffungskongress der Krankenhäuser findet am 23. und 24. Mai 2023 in Berlin statt. Der nächste BKK-Think-tank ist für den 4. und 5. Dezember 2023 in Berlin geplant.

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