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Sana Web Dialog 2021

„Welchen alten Alltag wollen wir in der Zukunft?“

Der Sana Web Dialog 2021 fokussierte dringliche Themen der Gesundheitsbranche und zukünftige Herausforderungen für Klinikeinkauf und -versorgung. Mit 25 Redebeiträgen in 120 Minuten setzte die Webkonferenz eine Fülle von Impulsen.

Sana Web Dialog 2021

Sana Einkauf & Logistik

Dr. Clemens Jüttner, Adelheid Jakobs-Schäfer und Lenart Eltzholtz (v.l.n.r.) im Gespräch.

Nach der akuten Pandemiebewältigung stehen in diesem Herbst die Gestaltungschancen für die Zukunft ganz oben auf der Agenda. Es ist ein Wahljahr. Und auch das Gesundheitssystem steht vor wichtigen Entscheidungen. Dazu passt das Motto des Sana Web Dialogs 2021: „Alter Alltag – Neue Normalität?!“. Es greift bewusst den Zwiespalt auf zwischen der Rückkehr zum Gewohnten und einem Aufbruch zur dauerhaften Veränderung.

Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, dann muss sich vieles verändern. Deshalb müssen wir uns fragen: Welchen alten Alltag wollen wir denn in der Zukunft? Und welche neue Normalität brauchen wir, damit genau das möglich wird?

Andreas Aulinger, Direktor des IOM Institut für Organisation & Management an der Steinbeis-Hochschule, Berlin

Es sind die Menschen im Gesundheitssystem, die heute darüber entscheiden müssen, wie die Arbeit für die Patienten in Zukunft aussehen soll. Dies gilt gerade für Dienstleistungsbereiche wie etwa Einkauf und Logistik. Auf diese Verantwortung wies Adelheid Jakobs-Schäfer, Generalbevollmächtigte der Sana Kliniken AG, in ihrem Eröffnungsstatement hin. Sie betonte, wie schnell neue digitale Formate in Entscheidungen Einzug gehalten und zugleich die Frequenz von Abstimmungsrunden gesteigert hätten. Sie diagnostizierte als neue Berufskrankheit eine „Webitis“: Mit dem steigenden Puls der Entscheidungsfindung blieben in der Praxis Effizienz und nachhaltige Umsetzung leider zurück.

Mehrfach waren die Teilnehmenden der Webkonferenz zu Live Votings aufgerufen. Wie sehen sie die Strategie der Einkaufskooperation? Wie beurteilen sie im Kontrast ihre eigene Strategie? Die Antworten wiesen den Weg zu den Lösungen: Strategien müssen immer wieder überprüft und neu vermittelt werden. Wie gut hat sich die Einkaufsstrategie der Kooperation bewährt? Jakobs-Schäfer forderte eine Strategie, die das gemeinsame Ziel – die Patienten und ihre Versorgung – nicht aus den Augen verliert. Gerade in Krisen seien diese Orientierung und die Stabilität von Routinen für die Mitarbeiter wichtig.

Krankenhausvollversorgung als Königsdisziplin

Ein strategisches Thema für Krankenhauseinkauf und -logistik ist die Krankenhausvollversorgung. Der komplexe Prozess, der ein (Medizin-)Produkt über die gesamte Supply Chain bis hin zum Patienten und weiter bis zur Rechnungsstellung begleitet, ist eine Herausforderung – und das nicht erst seit der Pandemiesituation. Allerdings haben die Lieferengpässe pandemierelevanter Produkte der breiten Öffentlichkeit gezeigt, wie wichtig funktionierende Logistikketten sind. Nadine Zaretzke, Leitung Klinikintegration, SEL, lieferte ein Update zur laufenden Anbindung von Kliniken an die IT-Lösungen und Prozesse der Krankenhausvollversorgung. Sie stellte den Plan vor, zunächst alle Sana Kliniken vollständig in die eigene Versorgungslösung zu integrieren. Es bestehe die Notwendigkeit, die eigenen Häuser standardisiert in optimierten Prozessen abzubilden. Das erprobte Konzept wird anschließend mit umfassender Erfahrung bei den Prozessanpassungen und Umstellungen am Markt anderen Kliniken angeboten werden. Andreas Melchert, Leiter Lager & Logistik der SEL, komplettierte das Thema mit einem Ausblick. Den Aufbau neuartiger modularer Versorgungszentren skizzierte er als großen Evolutionsschritt für die nächsten Jahre.

Welchen Nutzen eine zentrale Versorgungsstruktur für Kliniken einer Region entfalten kann, präsentierte Georg Rosenbaum. Er hat als leitender Apotheker und Leiter das MedicalORDERcenter (mOc) in Ahlen aufgebaut. Dieses innovative Zentrum versorgt zuverlässig 30 Gesundheitseinrichtungen mit Arzneimitteln, Sterilgut und Medikalprodukten. Dr. Nils Brüggemann, Mitglied des Vorstands der St.-Franziskus-Stiftung Münster, zu der das mOc gehört, wagte einen Blick in die Zukunft der Vollversorgung. Er zeigte sich überzeugt, dass neue Anforderungen an die Qualität einen entscheidenden Einfluss auf die Strukturen haben werden. Als Beispiel führte er die Regulierung durch die Medical Device Regulation (MDR) und SecurPharm an. Trägerübergreifende Zentralstrukturen seien in dieser Situation für viele Kliniken die beste Lösung, um zukünftig professionelle und zugleich wirtschaftliche Standards zu sichern.

Perspektive der Universitätsmedizin

Seit einem knappen Jahr arbeitet die EK-Unico, führende Einkaufsorganisation der Universitätsmedizin in Deutschland, mit Sana Einkauf & Logistik zusammen. Ihr Geschäftsführer Björn Polan, zog eine Zwischenbilanz der strategischen Kooperation. Als Vertreter der Universitätsklinika sprach Dr. Christoph Hoppenheit, kaufmännischer Direktor und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Münster. Er lenkte den Blick auf das Potenzial eines gemeinsamen Handelns in einer bisher nie da gewesenen Konstellation auf dem Einkaufsmarkt. Den Nutzen für alle kooperierenden Partner verglich er bildhaft mit dem Zünden einer „neuen Raketenstufe“.

Zwei Länder, ein Ziel im Einkauf

Was macht eine deutsche Einkaufsorganisation in der Schweiz? Unter dem Titel „Zwei Länder, ein Ziel“ kamen deutsche und schweizer Perspektiven in einem Beitrag zusammen. Lennart Eltzholtz, Geschäftsführer der SEL, betonte, dass die geteilte Sprache allein noch nicht bedeute, dass es keine kulturellen Unterschiede gebe. Gerade die Verbindung der zurückhaltend empfundenen „Swissness“ mit der eher geradlinigen deutschen Verhandlungskultur sei ein vielversprechender Weg, um gemeinsam nachhaltige wirtschaftliche Verbesserungen zu erreichen. „Generell ist Marktmacht wichtig bei den Verhandlungen. Und ein einzelnes Spital wird niemals so viel Volumen in die Waagschale werfen können wie ein Einkaufsverbund“, resümierte Sieglinde Breinbauer, Bereichsleiterin Betrieb und Leiterin Beschaffung & Logistik des Universitätsspitals Basel.

Die gemeinsame Perspektive von Klinik und Geschäftspartnern der Industrie beleuchtete Kai Künstler, General Manager Strategic & International Procurement SEL. Im Vorfeld hatte er dazu ein Interview mit dem Vorsitzenden des BVMed-Vorstands, Dr. Meinrad Lugan, geführt. Beide thematisierten die Rolle und Verantwortung der Industrieseite bei der Umsetzung der MDR. Vor der verpflichtenden Einführung der MDR waren u. a. Worst-Case-Szenarien gezeichnet worden, die einen Innovationsverlust, Lieferengpässe und umfangreiche Produktbereinigungen ankündigten und die Kliniken nachhaltig beschäftigten. Angesichts des deutlichen Rückganges bei den Fallzahlen der Krankenhäuser stehen jetzt neue Fragen im Raum: Welche Rolle wird der Vertrieb von Medizinprodukten in Zukunft spielen? Und wie müssen sinnvolle Arbeitsteilungen an der Schnittstelle zwischen den Geschäftspartnern der Industrie, der Sana Einkaufskooperation und der Klinik aussehen?

Den Abschluss bildete das Thema Vertrauen in der Gesundheitswirtschaft: „Vertrauen (wieder)herstellen. Mutig verändern. Aber wie?“. Dr. Jens Schick, Mitglied des Vorstands der Sana Kliniken AG, beantwortete diese Frage angesichts einer Gesamtsituation, die das Vertrauen auf vielen Ebenen belastet hat: bei Patienten, Kostenträgern und Verantwortlichen in Klinik sowie Politik. Zu den unmittelbaren Folgen der Pandemie zählte er einerseits eine hohe Transparenz bei den Klinikzahlen gegenüber den Kostenträgern, anderseits einen Digitalisierungsschub, der durch das Krankenhauszukunftsgesetz noch befeuert wurde. Gleichzeitig blieben angesichts der Regierungsbildung in diesem Herbst wichtige Richtungsentscheidungen noch offen: Wohin geht es, zurück zum alten Alltag oder hin zu einer neuen Normalität?

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