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Kommentar

„Wir sollten im Gesundheitswesen nachhaltiger denken“

Die aktuelle Krise offenbart die Effekte eines falschen Sparkurses. Wir müssen im Gesundheitswesen wieder nachhaltiger denken und in Qualität investieren. Weg von einem Preis-Wettbewerb, hin zu nachhaltigen Planungs- und Steuerungsgrößen.

Dieter Fellner

Edwards

Dieter Fellner, Geschäftsführer von Edwards Lifesciences Deutschland.

Für Krankenhäuser und die Medizintechnikindustrie droht 2020 ein besonders herausforderndes Jahr zu werden. Erlösausfälle durch verschobene elektive Eingriffe und die Zusatzkosten durch die Covid-19-Pandemie reißen tiefe Löcher in die Investitionsbudgets der Kliniken. Die deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) geht für den Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai von rund 1,6 Millionen weniger Behandlungen aus. Dadurch habe sich die wirtschaftliche Situation der Häuser im Vergleich zum Vorjahr deutlich verschlechtert, warnt die DKG. Der Druck auf die Liquidität ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Neuanschaffungen und Projekte werden verschoben.

Umsatzeinbrüche bei der Industrie

Das bekommt die Industrie zu spüren. Die Mehrheit der Hersteller verzeichnet nach aktuellen Umfragen der Branchenverbände BVMed und Spectaris eine geringere Nachfrage. Der globale Lockdown ließ Lieferketten zusammenbrechen, Vorprodukte fehlen. Industrieverbände sagen für das Gesamtjahr eine Abschwächung der Auftragslage und Umsatzeinbrüche von 18 Prozent und mehr voraus – unter der Voraussetzung, dass die Produktion und die Absätze schnell wieder hochfahren. Sonst dürfte die Branche en gros noch schlechter durch das laufende Krisenjahr kommen.

Natürlich gibt es deutliche Unterschiede im Ausmaß, in dem die aktuellen Härten auf einzelne Unternehmen durchschlagen. Grundsätzlich dürften etwa Betriebe und Kliniken mit einem orthopädischen Schwerpunkt stärker von Kapazitätseinschränkungen und Nachfragerückgängen betroffen sein, als etwa die Herzmedizin, wo viele Eingriffe eine besonders hohe Dringlichkeit haben.

Aber auch in unserem Fach verzeichnen wir Verschiebungen, etwa von den konservativen, chirurgischen Techniken hin zu minimalinvasiven Verfahren. Die Corona-Krise, das zeichnet sich zunehmend ab, wird diese Entwicklung noch beschleunigen. Schließlich erweisen sich gerade in diesen Tagen Intensivstationen für viele Krankenhäuser als kostenintensiver Bottleneck. Die überwiegende Mehrheit aller deutschen Kliniken hat in den zurückliegenden Wochen Personal auf die Intensivstationen verlagert, um auf Corona-Patienten mit schweren Verläufen vorbereitet zu sein. Gleichzeitig mussten geplante Eingriffe verschoben und die Belegung auf chirurgischen Abteilungen zurückgefahren werden. Zudem zeichnet sich ab, dass die vormals verlässlichen Zuweiserströme bedingt durch die anhaltende Angst der Bevölkerung vor Arztbesuchen vor einer Ansteckung mit dem Covid-19-Erreger nachhaltig gestört sind.

Probleme in den Kliniken

Die zum Ausgleich vorgesehenen Zahlungen reichen nicht überall aus, um leer gebliebene Betten und verschobene Behandlungen zu kompensieren. Vor allem die Maximalversorger bekommen diese Situation zu spüren. Die aktive Verknappung der Kapazitäten und der zusätzliche Kostendruck zwingen zu einer weiteren Verbesserung der Prozessqualität. Die Bedeutung der Verweildauer rückt in den Fokus. Vor diesem Hintergrund wäre es fatal, wenn notwendige Modernisierungen aus Geldnot einmal mehr ins Stocken geraten. Die zumindest zu Beginn der Krise befürchteten Engpässe in der stationären Versorgung zeigen, dass wir mehr minimalinvasive Technik brauchen, welche schlanke Prozesse und eine Verkürzung der Verweildauer in den Kliniken möglich machen hilft. Wir sollten im Gesundheitswesen nachhaltiger denken und auch nach dem Abklingen der unmittelbaren Belastungen durch die Pandemie Strukturen und Prozesse im Blick behalten.

Der Zurückhaltung der Bevölkerung hinsichtlich dringend notwendiger Arztbesuche könnte man aktuell ideal mit einem breiten Angebot an telemedizinischer Betreuung begegnen. Leider stehen wir gesamtheitlich aber eher noch am Anfang der Entwicklung und sollten diese energisch vorantreiben, da die Vorteile für Patienten, Kliniken und Lieferanten auch über die aktuelle Krise hinauswirken werden.

Vom Zwang zu maximaler Effizienz

Das gilt übrigens nicht minder für die Industrie. Unterbrochene Liefer- und Fertigungsketten und Verzögerungen in der Produktion demonstrieren einmal mehr auf schmerzhafte Weise, wie sehr das Primat einer optimalen Qualität im Alltag einer kurzsichtigen Kostenbetrachtung weicht. Der Zwang zu maximaler Effizienz wird durch Corona noch zunehmen. Das gilt gleichermaßen für die Hersteller wie für ihre Abnehmer in Krankenhäusern und Arztpraxen. Unternehmen, die in diesen Zeiten immer lieferfähig geblieben sind, haben in diese Zuverlässigkeit zuvor investiert. Sie haben Qualitätsanforderungen kompromisslos auch auf Produktionsstätten und Zulieferer im Ausland bezogen. Haben mitunter auf die Ansiedlung von Fertigungsstandorten in Ländern verzichtet, die zwar mit günstigen Kostenstrukturen punkten konnten, dafür aber mit Lohndumping, einem geringen Fachkräfteangebot und einer fragilen Infrastruktur bezahlen. In der aktuellen Krise zeigen sich auch die Effekte eines falschen Sparkurses.

Wegen ihrer starken Abhängigkeit von der Auslandsproduktion in Billiglohnländern steht die Pharmaindustrie seit Monaten öffentlich in der Kritik. Lieferengpässe werden zum Dauerthema – und letztlich auch zum Gegenstand aktueller Gesetzgebung. Die Bundesregierung will die Inlandsproduktion mit Fördermaßnahmen anschieben. Wie nachhaltig diese Anreize sind und ob sie ausreichen, um wirklich einen Paradigmenwandel einzuleiten, wird sich zeigen. Wir brauchen ein Umdenken, weg von einem Wettbewerb, der primär über den Preis ausgetragen wird, hin zu nachhaltigen Planungs- und Steuerungsgrößen. Eventuell lässt sich aus der Krise trotz aller gravierenden und bedauerlichen Konsequenzen ein solches positives Signal mit neuem Schwung mitnehmen und gemeinsam weiterentwickeln.

Erschienen in Klinik Einkauf 3-4/20  Jetzt kaufen!

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