
Angesichts anhaltender Lieferengpässe bei essenziellen Medikamenten stehen Klinikapotheken vor der Herausforderung, die Versorgungssicherheit für Patienten zu gewährleisten. Doch welche praktischen Lösungen haben sich bewährt? Wie können Apotheken ihre Beschaffung optimieren, ohne ausschließlich auf politische Reformen zu setzen? Zwar sollen gesetzliche Maßnahmen wie das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) die Situation verbessern, doch in der Praxis sind oft kreative und vorausschauende Strategien gefragt. Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten, der Preisdruck des asiatischen Marktes und begrenzte Lagerkapazitäten erschweren eine stabile Versorgung. Zwar hat das ALBVVG punktuelle Verbesserungen gebracht, doch grundlegende strukturelle Probleme bestehen fort.
Laut den aktuellsten Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) sind bis zu 6,5 Millionen gesetzlich Versicherte potenziell von Arzneimittellieferengpässen betroffen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, setzen Klinikapotheken zunehmend auf neue Beschaffungsstrategien. Ein vielversprechender Ansatz ist die Bündelung von Ressourcen durch Kooperationen – insbesondere in Form von Einkaufsgemeinschaften.
Einkaufsgemeinschaften: Gemeinsam stärker
Viele Krankenhausapotheken haben in den vergangenen Jahren innovative Beschaffungsmodelle entwickelt, um den Medikamentenmangel abzufedern. Eine bewährte Strategie zur Sicherstellung der Medikamentenversorgung ist dabei die Bildung von Einkaufsgemeinschaften. Durch den Zusammenschluss mehrerer Krankenhausapotheken können bessere Konditionen bei Lieferanten erzielt und die Verhandlungsposition gestärkt werden. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Kooperation der Einkaufsgemeinschaften KEMA und ApoContract, die seit Januar 2015 gemeinsam auftreten. Dieser Zusammenschluss versorgt 250 Kliniken mit insgesamt 55 000 Betten und hat Verträge mit über 100 Herstellern abgeschlossen. Durch diese Bündelung der Kräfte können die beteiligten Apotheken nicht nur Kosten senken, sondern auch die Lieferzuverlässigkeit erhöhen.
Auch Sana Einkauf & Logistik setzt auf strategische Allianzen. Laut Stefan Bode von Sana erlauben es diese Netzwerke, Alternativprodukte schneller zu identifizieren und sich über Partnerkliniken auszutauschen. Gerade bei Spezialpräparaten wie Zytostatika oder parenteralen Antibiotika könne so die Versorgungssicherheit erhöht werden. Die Einkaufsgemeinschaften koordinieren nicht nur Bestellungen, sondern optimieren auch Lagerbestände und setzen strategisch auf langfristige Verträge mit Herstellern. Bode sieht sich dabei mit einem ganz anderen Markt als noch vor zehn Jahren konfrontiert. Die Wirk- und Begleitstoffe kämen immer öfter aus China und Indien, und die langen Lieferwege würden Anfälligkeiten und Ausfälle verursachen. Gleichzeitig nehmen, so Bode, immer mehr Volkswirtschaften am Arzneimittelmarkt teil, was Ungleichgewichte noch weiter verstärkt.
Eigenproduktion: Autarkie durch Inhouse-Herstellung
Stefan Bode weist ebenso auf Verknappungen hin, die man gerade zu Zeiten von Corona beobachten konnte. Produktionsgrenzen stießen schnell an ihre Grenzen und die Kosten stiegen laut ihm extrem an. Daher kommt der frühzeitigen Risikoerkennung sowie der Fähigkeit zur Eigenproduktion in den Klinikapotheken eine entscheidende Rolle zu. Besonders der Ausfall oder Rückzug von Herstellern lässt sich so zumindest zum Teil kompensieren.
Während sich Krankenhausapotheken wie in Salzburg und Bad Ischl (Österreich) auf die Produktion großer Chargen spezialisieren, konzentrieren sich andere auf patientenspezifische Einzelzubereitungen. Die Nachfrage nach individuell hergestellten Arzneimitteln, etwa bei Zytostatika oder intravitrealen Injektionen, steigt kontinuierlich. Die Klinik Favoriten in Österreich, betreibt zwei zertifizierte Produktionsapotheken. Hergestellt werden, so Dr. Doris Haider, Apothekenleiterin der Klinik, ausschließlich Arzneimittel, die industriell nicht gefertigt werden.
Moderne, zuverlässige und den GMP-Standards (Good Manufacturing Practice) entsprechende Produktionsanlagen stehen dabei zur Verfügung. Laut Haider bestehe eine der größten Herausforderungen in der Einhaltung der strengen gesetzlichen Vorschriften, die für die Herstellung von Arzneimitteln gelten. Die Eigenproduktion als Maßnahme zur Kompensation von Lieferausfällen sei jedoch nur punktuell für einzelne flüssige orale Arzneiformen möglich.
Digitale Lösungen: Transparenz und Effizienz durch Technologie
Moderne Technologien helfen, Lieferengpässe effizient zu managen. Durch den Einsatz intelligenter Software können Bedarfsentwicklungen frühzeitig erkannt und gezielt darauf reagiert werden. So lassen sich Lieferengpässe in einigen Fällen verhindern, bevor sie auftreten. Solche Systeme sind besonders in großen Klinikverbünden von Vorteil, da sie Transparenz über Lagerbestände hinweg schaffen und eine effizientere Beschaffung ermöglichen.
Durch den Einsatz intelligenter Software können Bedarfsentwicklungen frühzeitig erkannt und gezielt darauf reagiert werden.
So beliefert die Apotheke der Klinik Favoriten derzeit knapp 4000 Betten im WiGeV (Wiener Gesundheitsverbund). Dabei haben sich ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) und die Bestandsmanagement-Software in der Arzneimittelbestellung als äußerst wertvoll erwiesen. Sie ermöglichen eine vollständige Integration aller relevanten Daten, von der Bestellung bis zur Lagerverwaltung. Laut Dr. Doris Haider, Apothekenleiterin der Klinik Favoriten, stelle das System sicher, dass alle Bestellungen und Bestände in Echtzeit aktualisiert werden. Diese Transparenz habe sich als äußerst vorteilhaft erwiesen, insbesondere um Engpässe frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Haider dazu: „Die digitale Kommunikation mit Lieferanten wird speziell bei sehr hochpreisigen und sensiblen Arzneimitteln, die für einzelne Patient*innen benötigt werden, genutzt.“
Die digitale Kommunikation mit Lieferanten wird speziell bei sehr hochpreisigen und sensiblen Arzneimitteln genutzt.
Lückenlos werden dabei die Transporttemperatur oder andere Parameter im Sekundentakt überwacht, was es erlaubt, zu jeder Zeit die exakte Ankunft in der jeweiligen Klinik vorauszusagen. Auch die Umsetzung der FMD-Richtlinie sei ein wichtiger Bestandteil der digitalen Transformation im Arzneimittelbeschaffungsprozess, da sie die Rückverfolgbarkeit und Sicherheit von Arzneimitteln gewährleistet. Sie spiele eine entscheidende Rolle im Kampf gegen gefälschte Arzneimittel, indem sie sicherstellt, dass nur verifizierte, sichere Produkte auf den Markt kommen.
Blick über den Tellerrand
Auf politischer Ebene sind weitere Maßnahmen erforderlich, um die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten. Dazu zählen Anreize für die Produktion von Wirkstoffen in Europa sowie gesetzliche Regelungen, die eine bevorzugte Belieferung von Krankenhausapotheken sicherstellen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) betont, dass es eines klaren Bekenntnisses zur Versorgungssicherheit und eines gesamteuropäischen Ansatzes bedarf, um die Produktion von generischen Produkten und Altoriginalen in Europa wieder sicherzustellen.
Trotz dieser Ansätze gibt es weiterhin Herausforderungen:
- Rechtliche Hürden: Der Import von Medikamenten ist mit umfangreichen Regularien verbunden. Bestimmte Arzneimittel dürfen nur mit Sondergenehmigungen eingeführt werden.
- Wirtschaftliche Faktoren: Alternativbeschaffung ist teuer. Klinikapotheken können die Mehrkosten nicht einfach an die Krankenkassen weitergeben.
- Personeller Mehraufwand: Die Suche nach Alternativprodukten bindet wertvolle Ressourcen – in vielen Apotheken sind Mitarbeitende ausschließlich mit Engpassmanagement beschäftigt.
Die Situation bei unseren österreichischen Nachbarn ist ähnlich. So verfügt Österreich über 43 Krankenhausapotheken, welche durch Verbünden gemeinsam organisiert und zusammengeschlossen sind. Dabei verhandelt jeder Verbund individuell seinen jeweiligen Arzneimitteleinkauf. Um die Arzneimittelversorgung krisenfester zu machen, wurde die pharmazeutische Industrie im Sommer 2024 verpflichtet, ihre Lagerbestände für besonders nachgefragte Medikamente erheblich auszubauen. Konkret bedeutet dies, dass rund 700 essenzielle Arzneimittel – darunter Schmerzmittel, Antibiotika sowie Präparate gegen grippale Infekte, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen – in einer Menge vorgehalten werden müssen, die den Bedarf für vier Monate deckt. Die damit verbundenen Mehrkosten können Unternehmen auf Antrag beim Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) geltend machen. Allerdings tritt diese Regelung erst am 21. April 2025 in Kraft, sodass eine spürbare Entlastung frühestens im darauffolgenden Winter erwartet wird.
Langfristig kann die Stabilität des Arzneimittelmarkts jedoch nur durch strukturelle Veränderungen gewährleistet werden.
Eine weitere Maßnahme zur Verbesserung der Versorgungslage ist die neu eingeführte App Aposcout, die einen schnellen Überblick darüber bietet, welche Apotheken bestimmte Medikamente vorrätig haben oder bei welchen sie aktuell nicht verfügbar sind. Engpässe traten in der Vergangenheit häufig regional begrenzt auf, was Patientinnen und Patienten oft dazu zwang, mehrere Apotheken aufzusuchen, um das benötigte Medikament zu erhalten. Die App soll diesen Suchaufwand minimieren und eine effizientere Verteilung ermöglichen. Langfristig kann die Stabilität des Arzneimittelmarkts jedoch nur durch strukturelle Veränderungen gewährleistet werden.
Politischer Handlungsspielraum
Die aktuelle Situation bei der Medikamentenversorgung erfordert ein aktives Eingreifen der Politik, um innovative Beschaffungswege zu ermöglichen und abzusichern. Stefan Bode weist darauf hin, dass immer häufiger „Brot und Butter"-Arzneimittel nicht verfügbar seien. Man sei politischer „Spielball" internationaler Verflechtungen und Zerwürfnisse. Kritische Arzneimittel müssten, nach Bode, wieder in Europa produziert werden.
Dabei sind verschiedene Handlungsfelder von besonderer Bedeutung, die durch geeignete Rahmenbedingungen gestärkt werden müssen. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Förderung von Einkaufsgemeinschaften und regionalen Netzwerken. Hier könnte der Gesetzgeber gezielt Anreize schaffen, damit sich Kliniken zu größeren Beschaffungsverbünden zusammenschließen. Solche Kooperationen erhöhen nicht nur die Einkaufsmacht, sondern ermöglichen auch einen besseren Austausch bei Versorgungsengpässen. Parallel dazu sollten die Importbestimmungen für Arzneimittel vereinfacht werden. Eine erleichterte Einfuhr von Medikamenten aus dem Ausland würde es ermöglichen, bei Lieferengpässen schneller auf alternative Bezugsquellen zurückzugreifen und damit Versorgungslücken effektiver zu schließen.
Auch dieEigenproduktion von Arzneimitteln in Klinikapotheken verdient mehr Unterstützung. Durch angepasste rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen könnte diese wichtige Säule der Arzneimittelversorgung gestärkt werden. Dies würde die Abhängigkeit von externen Lieferanten reduzieren und die Versorgungssicherheit erhöhen. Ein übergreifender Aspekt ist die Stärkung der Transparenz in den Lieferketten. Nur wenn Engpässe frühzeitig erkannt werden, können rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Politik sollte daher Mechanismen etablieren, die eine bessere Überwachung der Versorgungssituation ermöglichen und damit zur Prävention von Engpässen beitragen.
Zusammenfassung
Einkaufsgemeinschaften:
- Verbünde: Zusammenschlüsse wie KEMA und ApoContract versorgen gemeinsam 250 Kliniken mit 55 000 Betten.
- Verträge: Der Zusammenschluss hat Verträge mit über 100 Herstellern abgeschlossen.
- Ziel: Bessere Konditionen, höhere Lieferzuverlässigkeit und Optimierung der finanziellen Ressourcen.
Eigenproduktion:
- Vorteile: Unabhängigkeit von externen Lieferanten, Kontrolle über Qualität und Verfügbarkeit.
- Nachteile: Hohe regulatorische Hürden, erhebliche Investitionen in Reinräume und Personal.
- Fokus: Individuell benötigte Rezepturen oder seltene Medikamente.
Digitale Lösungen:
- Möglichkeiten: Flexible Verwaltung von Bestellungen und Lagerbeständen durch cloudbasierte Lösungen.
- Nutzen: Transparenz im Beschaffungsmarkt, Austausch über aktuelle Bestände und gleichwertige Ersatzprodukte.
- Vorteile: Frühzeitige Erkennung von Bedarfsentwicklungen und effizientes Management von Lieferengpässen.
Ausblick und Handlungsempfehlungen
Die Sicherstellung der Medikamentenversorgung in Klinikapotheken erfordert innovative und vielseitige Ansätze. Die Erfahrungen der Vorreiterkliniken zeigen, dass erfolgreiche Beschaffungsstrategien auf mehreren Säulen basieren. Jede Klinik sollte ihre individuellen Stärken analysieren und darauf aufbauend einen Mix aus verschiedenen Strategien entwickeln. Die Kombination aus Einkaufsgemeinschaften, strategischer Eigenproduktion und digitalisiertem Beschaffungsmanagement ist der Schlüssel zur Versorgungssicherheit.
Die Kombination aus Einkaufsgemeinschaften, strategischer Eigenproduktion und digitalisiertem Beschaffungsmanagement ist der Schlüssel zur Versorgungssicherheit.
Die angeführten Strategien sind jedoch ein Pflaster, aber keine Heilung. Innovative Beschaffungsstrategien haben geholfen, die schlimmsten Folgen der Lieferengpässe abzufedern, doch sie sind oft nur Notlösungen. Herausforderungen bleiben bestehen, die sowohl auf institutioneller als auch auf politischer Ebene angegangen werden müssen, um die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten. Langfristig braucht es strukturelle Änderungen, insbesondere eine stärkere Förderung europäischer Produktionskapazitäten.






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